Milliardenembargo


Die Autorin

 

 

Martha Proidl- Stachl, renommierte TV-Journalistin im ORF und Autorin einer Reihe von Fachbüchern über Styling, Gesundheit und Kosmetik hat sich nicht nur auf diesen Fachgebieten einen Namen gemacht. In ihren TV-Beiträgen für die schon legendäre Sendung „Argumente“, die Lebenshilfereihe „Wir“ und jetzt im TV-Magazin „Willkommen Österreich“ berichtete sie auch kritisch über Mißstände und sehr einfühlsam und subtil über menschliche Schicksale und Tragödien. Mit ihrer jahrelangen Interview-Erfahrung gelingt es ihr in diesem Buch nicht nur die Finanz-Rochaden des Werner Rydl, sondern auch den Menschen Werner Rydl und den Weg seiner Entwicklung transparent zu machen.

 

 


Vorwort

 

 

Liebe Leserin. lieber Leser!

 

Lassen Sie sich nicht von dem Bild auf dem Buchumschlag täuschen. Es ist nur als witziger Eye Catcher gedacht und entspricht zwar dem gängigen Klischee eines Steuerjongleurs, ist aber vom Wesen Werner Rydls so weit weg, wie er jetzt von Österreich. Denn in der Hängematte liegen und nichts zu tun ist wirklich nicht seine Sache.

 

Ganz im Gegenteil: Er ist, man kann fast sagen seit seiner Geburt, ein Workaholic. Ohne zu arbeiten, und für ihn bedeutet das auch tatkräftiges Zupacken im wahrsten Sinn des Wortes, kann er nicht leben. Was für mich schon in den ersten Minuten unserer Begegnung sofort spürbar war, ist seine beeindruckende Persönlichkeit und die unglaubliche Ruhe und Besonnenheit, die er ausstrahlt. Er spricht langsam, wohl überlegt, und selbst in Momenten, wo man denken könnte, jetzt müssten doch Haß und Wut zu hören sein, klingen seine Worte abgeklärt und fast milde. So sprechen zumeist sehr weise alte Menschen, die alle diese störenden Emotionen längst hinter sich gelassen haben. Unglaublich für einen Mann von erst neununddreißig Jahren, der einige harte Schicksalsschläge verkraften musste, die auch noch nicht so lange zurückliegen, dass man sagen könnte, die Zeit heilte alle Wunden.

 

Ich glaube das man von diesem Mann sagen kann das er etwas geschafft hat was nur wenigen gelingt: Er ist aus all dem, was man ihm angetan hat, nicht erbittert und Hasserfüllt hervorgegangen, sondern er hat dadurch menschliche Größe erlangt. Ich selbst war über diese Erkenntnis verblüfft, obwohl die Zeit sehr kurz war, die ich mit ihm und seiner Frau Marcia verbracht habe. Es waren nur zwei Tage, in denen ich mit ihm in seinem „Turm“ in der Nähe der Millionenstadt Recife gesprochen habe.

 

Mit dieser unglaublichen originellen Wohnfestung hat sich Werner RydI einen Jugendtraum erfüllt, den er selbst - nur mit einigen Hilfskräften - gebaut hat. Wie ein Fels in der Brandung steht der drei Stock hohe runde Turm direkt am Strand - so nah am Wasser das man, öffnet man die hohen Fenster, man für Sekunden fürchtet, das Meerwasser könnte ins Zimmer spritzen. Im Inneren des Hauses zeigt sich nicht das Klischee vom luxuriösen Leben eines Steuergenies. Werner Rydl und seine Frau leben fast spartanisch, die Einrichtung ist schlicht und karg, beinhaltet nur das, was man wirklich zum Leben braucht: Betten, Kasten, an den Wänden nur einfache Drucke und keine teuren Bilder, in der Küche ein Herd mit zwei Platten, Kühlschrank, Tisch, Sessel, sonst nichts. Auch im Badezimmer nur das Notwendigste: Dusche und Waschtisch. Ich war verblüfft, aber Werner Rydl meinte nur lachend: „Ich lebe und lebte immer bescheiden. Ich will keinen Luxus, nur Arbeit. Aber das Allerwichtigste für mich ist Gerechtigkeit, deshalb habe ich auch diesem Buch zugestimmt, denn damit habe ich endlich Gelegenheit, zu sagen, wie sich alles wirklich zugetragen hat.“ Dem kann ich nur hinzufügen: Ich habe unsere Gespräche wortgetreu aufgezeichnet, damit Sie sich selbst ein Bild von den Beweggründen und vom Charakter Werner Rydls und von seinen Aktivitäten als “Superhirn“ machen können.

Matha Proidl-Stachl


Kapitel 01

 

Das „Superhirn” wird enttarnt

 

 

Nach einem Tip, den „Täglich Alles“ -Reporter Peter Petzl von „jemandem bekommen hat, der die Machenschaften rund um den Steuerfall Werner Rydl nicht mehr mit ansehen wollte“, erscheint am 6. 9. 1995 in „Täglich Alles“ ein erster Bericht mit dem Titel: Superhirn narrt unser Land.

 

„Das verbrecherisch geniale Superhirn sitzt in Brasilien - fünf mutmabliche Komplizen sind in Haft. Er hat Österreich bis jetzt um 250 Millionen Schilling Steuergelder erleichtert. Wie? Eine Lücke im Steuergesetz macht’s möglich. Die Finanz schaut hilflos, die Regierung schaut tatenlos zu.“

 

Peter Petzl, übrigens der Schöpfer des treffenden Pseudonyms „Superhirn“, berichtet dann ausführlich über die genialen Steuertricks des Werner Rydl, der damals noch nicht namentlich genannt wurde. Mit einer Grafik zum besseren Verständnis wird erläutert, wie Werner RydI bis zu diesem Zeitpunkt zu einem Guthaben von 250 Millionen Schilling kommen kounte. Peter Petzl bleibt aber weiter auf der Spur des Superhirns und berichtet in unzähligen Artikeln über den Fortgang dieser erstaunlichen Unternehmerkarriere. Die Schlagzeilen in „TägIich Alles“ zeigen deutlich, wie der Finanzbehörde der Fall Werner Rydl in zunehmenden Maße unangenehm wird:

„Dieser Herr zeigt unserer Finanz die lange Nase“

„Die Affäre ‚Superhirn’- Opfer bitte warten“

„Lieber Herr Klima, mir geht‘s hier wirklich prima“

„jetzt jagt die EU das Superhirn“

„Wirbel um Superhirnversteck“

„Superhirn, jetzt ermittelt die Volksanwaltschaft“

„Superhirn - nun liegt der Spielball bei der Finanz“

„Das Superhirn und der Minister“

„Superhirn hat noch mehr Tricks auf Lager“

 

Am 10. 9. 1995 gelang Peter Petzl als erstem das, was die Finanz bis heute nicht geschafft hat. In „Täglich alles“ erscheint ein Gespräch unter dem Titel „Superhirn, das erste Interview“ mit Werner Rydl, in dem er sein persönliches Anliegen zum ersten mal preisgibt: „Mein Ziel ist es, Österreich zu einer vollziehbaren Umsatzsteuergesetzgebung zu bringen. Um mich zu stoppen, müßte Österreich das Gesetz ändern. Das geht aber nicht, weil wir in der Europäischen Union sind, und die EU-Gesetzgebung macht Geschäfte wie meines kinderleicht.“

Erst acht Monate später - am 9. 5. 1996 berichtet auch der Börsen-Kurier über den Steuerfall Werner RydI. Dann folgen Artikel in „profi1“, „News“ , „Cash Flow“  und schließlich brachte sogar der ORF im „Report“ einen Filmbericht über das „Superhirn“ Werner RydI.


Kapitel 02

 

„So hat alles begonnen“

 

 

Die Zeit war jetzt reif, Werner RydI selbst ausführlich zu Wort kommen zu lassen. Das Publikumsinteresse war durch die Medienpräsenz des Falls RydI geweckt. Man wollte wissen:

Wer ist dieser Mann?“

 

Auch Mag. Nikolaus Angermayr vom Verlag Mediamed sah den richtigen Zeitpunkt für gekommen, Werner Rydl ausführlich zu befragen. In seinem Auftrag flog ich am 21. Juni 1996 nach Recife in Brasilien und interviewte Werner Rydl innerhalb von zwei Tagen insgesamt achtzehn Stunden, wobei es mir sehr wichtig war, nicht nur das Finanzgenie, sondern auch den Menschen kennen zu lernen. Aus diesem Grund war meine erste Frage an ihn schlicht und einfach:

 

Wie hat alles angefangen?

 

Werner Rydl: Angefangen hat alles mit meiner Geburt am 17. 8. 1957 in Wien - als erster Sohn meiner Mutter Erna Rydl und meines Vaters Wilhelm Rydl. Ich habe Volks- und Hauptschule in Niederösterreich besucht und bin dann anschließend in die Höhere Bundeslehr- und Versuchsanstalt für chemische Industrie in der Rosensteingasse in Wien gegangen und habe die mit Erfolg abgeschlossen.

 

Hatten Sie besondere Berufswünsche, oder haben sich schon früh besondere Talente und Neigungen gezeigt?

 

Irgendwie war ich schon anders als andere Kinder. Ich hatte sehr wenig Interesse an Spielzeug oder Spielen. Mich hat immer die Realität, der reale Umgang mit Menschen interessiert. Meine Eltern waren selbständig, wir hatten eine Strumpffärberei in Vösendorf. Dort habe ich schon in der Zeit vor der Schule, aber auch während meiner Schulzeit mitgearbeitet. Ich habe das mit großer Begeisterung gemacht. Maschinen und der Umgang mit Menschen, aber auch das Spiel mit Zahlen und Fakten haben mich immer sehr interessiert, und dadurch hatte ich sehr schnell den Zugang zu den wirtschaftlichen Aspekten des Lebens. Und zwar ist dieses Interesse von mir selbst ausgegangen - ich wurde dazu nie von meinen Eltern gezwungen. Ganz im Gegenteil: Meinem Vater war es sogar manchmal unangenehm das ich von den Maschinen und aus der Fabrik nicht wegzubekommen war. Vielleicht hat er gedacht er raubt mir dadurch die Kindheit weil ich mich nicht mit Spielzeug oder Gleichaltrigen befasst habe. Aber für mich war das das größte Vergnügen.

 

Das ist eigentlich ungewöhnlich, Kinder interessieren sich ja normalerweise nicht fürs Geschäftsleben. Was war für Sie so interessant, die Produktion oder der Geschäftsablauf oder das, was mit dem Rechnungswesen zu tun hatte?

 

Die Philosophie meines Vaters, die dann eigentlich auch meine Erziehung war, „Wenn du arbeitest wird es dir gut gehen, denn dann hast du Geld und wenn du Geld hast, geht es dir gut“ Also habe ich so schnell wie möglich versucht das umzusetzen. damit es mir möglichst bald gut geht.

 

Ist es Ihnen als Kind nicht gut gegangen?

 

Doch, aber meine Einstellung war eigentlich das die Kindheit etwas ist das ich schnell hinter mich bringen muss, die ist ja sowieso bald aus. Es hat also keinen Sinn wenn ich mich in der Kindheit verliere, wenn ich Sie ohnehin verlassen muss. Und je früher ich sie verlasse, umso besser.

 

Normalerweise beschäftigen sich Kinder aber nicht damit, ob und wann sie die Kindheit verlassen müssen. Sie haben Geschwister - haben die auch so gedacht?

 

Ich habe einen Bruder, der vier Jahre jünger ist als ich, und eine Schwester, die ein Jahr jünger ist. Die haben nicht so gedacht. Der Kontakt zu meinen Geschwistern war überhaupt nicht so eng, sie waren doch ganz anders eingestellt. Es gab sogar Machtkämpfe mit meinem Bruder,  weil er von meinen Eltern immer bevorzugt wurde, zumindest hatte ich mir das damals eingebildet. Obwohl er vier Jahre jünger war, hatte er die gleichen Rechte wie ich. Ob es das Fernsehen war oder das bis zehn Uhr abends aufbleiben, was ich ein Jahr vorher noch nicht durfte, das durfte er schon als wesentlich jüngerer. Ich habe das als Ungerechtigkeit gesehen, und dadurch gab es  immer wieder Reibereien zwischen ihm und mir, und das hat dann zu weiteren Konflikten geführt.

An eine Begebenheit kann ich mich noch ganz genau erinnern: Mein Bruder hatte irgend etwas angestellt, was bei meinem Vater sehr verpönt war, ich weiß nicht mehr genau was. Jedenfalls habe ich ihn beim Vater verpetzt. Ich habe mir gedacht. jetzt kann ich meinem Bruder eins auswischen. Mein Vater hat mir geantwortet: Gut, jetzt bringst du mir den Pracker“ (das ist ein Teppichklopfer).

 

Ich habe ihm in blindem Vertrauen das mein Bruder jetzt bestraft wird den Pracker gebracht, doch mein Vater hat mit dem Pracker mich verdroschen und zwar mit der Begründung: „Tratschen tut man nicht“! Das hat mich in Wut gebracht. Mein Vater hat mich dann losgelassen, ich hin auf den Boden gefallen, bin aufgestanden und habe meinem Bruder eine heruntergehauen. Der hat nämlich gelacht wie mich mein Vater verprügelt hat. Der Zorn auf meinen Bruder ist dadurch natürlich nicht kleiner geworden. Allerdings habe ich die Prügel nicht als Misshandlung gesehen, sondern als Teil einer doch wirksamen Erziehungsmethode.

 

Mussten Sie die Anerkennung und das Interesse Ihres Vaters oft erzwingen, und hatten Sie das Gefühl, dass Ihr Bruder mehr davon bekam?

 

Im Gesamtbild erscheint es mir nicht das er mehr bekommen hat. Es war einfach so, dass meine Eltern für das tägliche Brot gearbeitet haben, und sie hatten natürlich nicht Zeit genug zu prüfen ob sie gerecht vorgingen. Für sie waren unsere Auseinandersetzungen eigentlich eine Belastung die sie schnell vom Tisch haben wollten. Sie hatten eben einfach keine Zeit die Situation richtig zu erkennen, auch nicht das ich eigentlich sehr viel leistete. Das war für meinen Vater irgendwie selbstverständlich, er hat mich nie groß dafür gelobt. Das wäre mir allerdings auch unangenehm gewesen. Meine Eltern haben beide im Betrieb gearbeitet, der in unserem selbsterbauten Haus eingerichtet war. Mein Vater war nicht Inhaber sondern Kompagnon der Firma, deren Hauptsitz in Linz war. Bei uns war die Färberei und die Verpackung, und meine Eltern waren in den Betrieb unabkömmlich. Es gab keinerlei Ersatz und niemanden sonst im Betrieb, der mit den Dampf und Schleudermaschinen arbeiten konnte, außer mir. Ich habe schon mit zehn Jahren jeden Arbeitsablauf selbst bewerkstelligen können. Einmal, als meine Eltern nach Deutschland fahren mussten und sie den Betrieb nicht in Ferien schicken konnten, habe ich die Verantwortung übernommen. Ich habe gesagt: „Ihr könnt euch ruhig auf mich verlassen, ich bring das schon hin, ich mach’ das alles.“ Da war ich vierzehn Jahre alt und habe den Betrieb vierzehn Tage allein geführt. In der Früh bin ich um sechs Uhr aufgestanden, bin in die Färberei gegangen und habe die Strümpfe eingelegt. Der Färbeprozess dauerte zirka vier bis fünf Stunden. In der Zeit war ich in der Schule. Nach der Schule bin ich wieder in die Fabrik und habe weitergearbeitet. Zu dieser Zeit hatte ich immer vierzig bis fünfzig Frauen zu beaufsichtigen, die gepackt und geformt haben.

 

Das ist doch ein unglaubliches Arbeitspensum und eine enorme Verantwortung.

Wie haben Sie das verkraftet?

 

Für mich war das keine Belastung, sondern mir war von Anfang an klar, dass das Erlernen von Technik und das Begreifen von wirtschaftlichen Zusammenhängen für mein Leben erforderlich ist. Und wenn ich es heute statt morgen mache, habe ich einen gewissen Vorteil in der Zukunft das war meine Überlegung.

Nach zehn Jahren ist dann der Kompagnon meines Vaters verstorben und der Betrieb wurde geschlossen. Daraufhin hat mein Vater beschlossen sich mit einem Saunabetrieb salbständig zu machen. Wir haben das Haus in Vösendorf vermietet und sind nach Pottendorf gezogen, das Grundstück war sehr günstig und wir haben dann gemeinsam mit meinem Vater ein Familienwohnhaus mit Saunabetrieb im Keller gebaut.

 

Hat Sie die Schließung der Strumpffabrik persönlich getroffen, Sie waren ja sehr in die Produktion eingebunden?

 

Es hat mich sehr getroffen, und ich war sehr unglücklich darüber, aber ich habe damals schon sehr bald gelernt die Dinge im Leben so zu akzeptieren wie sie kommen und nicht lange darüber nachzudenken warum und weshalb es so ist, sondern einfach in die Zukunft zu schauen. Zu dieser Zeit war ich zirka sechzehn Jahre alt. Man hat da sehr wenig Einfluss auf die Dinge, es waren alles Entscheidungen meiner Eltern, die ich schlussendlich zu akzeptieren hatte.

 

Wie war das dann mit dem Saunabetrieb?

 

Das Ziel meines Vaters war es, sich mit seinem fünfzigsten Lebensjahr von der anstrengenden Arbeit zurückzuziehen. Er hat ja immer körperlich schwer gearbeitet und er wollte dann eigentlich nur noch geistiger Arbeit nachgehen. Mein Vater hat auch erst mit fünfzig Jahren das erste mal Urlaub genommen. Was heißt Urlaub, er ist auf eine Kur gefahren. Er ist ohne gesundheitliche Probleme auf Kur gegangen und nach drei Monaten mit Krebs todkrank zurückgekommen. Sechs bis sieben Monate nach der Kur war er tot.

Es war eine schreckliche Zeit.

Wir haben alles probiert, haben ihn von Arzt zu Arzt geschleppt, ohne Erfolg. Mein Vater hat immer wieder gesagt: „Ich werde sterben, ihr könnt es nicht verhindern, bitte lasst mich in Ruhe sterben.“ Aber wir wollten das nicht wahrhaben. Wir haben ihn immer wieder gedrängt, alles zu probieren, jede Chance zu nützen. Heute rückblickend, muss ich sagen das falsch war, ihn in Würde sterben zu lassen wäre sinnvoller gewesen.

 

Wie hat sich der Tod Ihres Vaters auf das Familienleben ausgewirkt?

 

Als mein Vater starb war ich siebzehneinhalb Jahre alt und plötzlich das männliche Familienoberhaupt. Das Haus war noch nicht fertiggebaut, der Saunabetrieb noch nicht aufgenommen. Das heißt, ich habe mit Hilfe meines Bruders und meiner Mutter das Haus fertiggebaut. Wir haben zuerst die Sauna fertiggemacht um möglichst rasch Geld verdienen zu können. Das Wohnhaus war noch im Rohbau. Wir haben extrem gespart und nur ganz wenig Kredit genommen um die Kosten möglichst niedrig zu halten.

Ich habe dann mit meiner Mutter den Saunabetrieb schlecht und recht geführt.

Allerdings muss man sagen:

„Außer Spesen nichts gewesen! „Hätte ich in einem anderen Betrieb vierzig Stunden gearbeitet, hätte das wesentlich mehr gebracht. Trotzdem konnten wir im Laufe der Jahre die Schulden dezimieren. Aber wir waren nie ausgelastet. Wir hatten zwar Stammkunden die wir durch unseren persönlichen Kontakt im Ort gewonnen haben, aber wirklich gut gegangen ist der Saunabetrieb nie. Es gab eine Menge Investitionen und damit haben die Probleme begonnen.

Man baut einen Betrieb auf und setzt die Mehrwertsteuer ab. Wir waren gezwungen weiterzumachen, denn wenn man einen Betrieb nur kurz führt, wäre die Finanz gekommen und hätte das zur Liebhaberei erklärt, und die Steuerbegünstigungen hätten zurückgezahlt werden müssen. Wir waren also in einer Zwickmühle und mussten uns richtig durchwursteln.

Ich habe mich damals auch sehr mit Energiesparmaßnahmen beschäftigt, denn der Saunabetrieb verlangt einen sehr hohen Energieaufwand. Ich wollte versuchen diesen Energieaufwand zu senken. Ich habe mich für Solarenergie interessiert und für alternative Wärmepumpen. Die Problematik dabei ist, dass diese Aufwendungen sehr kostenintensiv sind. Es war für mich nur ein Gedankenspiel, ich konnte diese Dinge gar nicht einsetzen, weil wir die Mittel dafür nicht  hatten.

 

Sind Sie während der Anfangszeit des Saunabetriebs noch in die Schule gegangen?

 

Ja, in die Höhere Bundeslehr- und Versuchsanstalt. Spezialgebiet: technische Chemie.

 

Wie war eigentlich Ihr Verhältnis zu den Lehrern?

Welche Erfahrungen haben Sie diesbezüglich gemacht?

 

Da gab es sehr interessante Aspekte. Meine Volksschulzeit war eigentlich unbedeutend. Ich habe schreiben und lesen gelernt. Nebenbei habe ich ja sehr viel in der Strumpffärberei gearbeitet, und dort konnte ich sofort praktisch umsetzen was ich in der Schule gelernt hatte. Allerdings hat mich die Praxis immer viel mehr interessiert als der Schulbetrieb. Für mich war die Schule eine Notwendigkeit, aber ich war immer dem Stoff voraus, denn die Praxis hat mich in dieser Zeit mehr geprägt und interessiert als die Schule.

In der Hauptschule in Maria Enzersdorf bin ich den letzten Lehrer, der für mich den Begriff „Lehrer“ verkörpert. begegnet. Er war dort Direktor, Badstöber hieß er. Wir hatten ihn in Physik und Mathematik. Das war zu der Zeit als die antiautoritäre Erziehung modern wurde. Also, an den Haaren ziehen oder in der Ecke stehen war nun verpönt.

Durch diese Maßnahmen hatten die Schüler natürlich Respekt vor den Lehrern, und dieser Respekt ist blitzartig verschwunden. Die Lehrer konnten sich kaum noch Gehör verschaffen. Früher hat schon allein das Senken der Türschnalle genügt und die Schüler sind mucksmäuschenstill in ihren Bänken gesessen.

 

Aber Badstöber hat noch nach dem alten Reglement unterrichtet. Es war komisch: Einerseits war er zum  Fürchten, andererseits haben wir ihn heiß geliebt. Er hatte diese Mischung von Zuckerbrot und Peitsche und er konnte optimal damit umgehen. Er ist in die Klasse gekommen und hat sofort rechts und links auf die Schüler gezeigt und diese mussten Dreierreihen aus dem Einmaleins aufsagen, fünf Sekunden rauf und fünf Sekunden runter. Hat man sechs Sekunden gebraucht musste man automatisch nachsitzen und das lernen, was man nicht gekonnt hatte, konnte man es, durfte man auch nach nur fünf Minuten sofort heimgehen. Es konnte aber auch sein, dass man bis zu zwei Stunden bleiben musste. Für mich war sensationell das er vier bis fünf Kinder zur gleichen Zeit abhören konnte und sofort merkte wenn sich eines der Kinder geirrt hatte. Wir konnten das Einmaleins so perfekt wie das heute sicher niemand mehr kann. Ich habe durch ihn ein fast schlafwandlerisches Gefühl für Zahlen bekommen.

Aber wie gesagt, es gab bei ihm Zuckerbrot und Peitsche:  Knallharten Drill auf der einen Seite, aber er war auch derjenige, der einmal in der Woche mit uns auf die Burg Liechtenstein ging und uns zeigte wo welche Bäume stehen, was für Pflanzen dort wachsen und welche Tiere es dort gibt, obwohl das nicht im Lehrplan stand. Ich habe ihn geliebt wie keinen anderen Lehrer obwohl ich eigentlich mit allen Lehrern sehr gut ausgekommen bin. Es hat mich sehr getroffen als dieser Direktor in meinem letzten Schuljahr abberufen wurde. Er konnte von seiner autoritären Erziehung nicht abgehen und mußte deshalb von der Schule.

 

Ich habe dann in der Höheren Bundeslehr- und Versuchsanstalt gesehen, wie antiautoritäre Erziehung ausartet. Das war so extrem, dass zum Beispiel die Geschichtslehrerin verzweifelt weinend aus der Klasse gestürzt ist, sie hat mir sehr leid getan.

Sie ist in die Klasse gekommen, hat mit dem Unterricht begonnen und keiner hat ihr zugehört, selbst wenn sie flehentlich „bitte Ruhe“ gesagt hat war niemand ruhig.

Das andere Extrem war unser damaliger Klassenvorstand, der hat sein Thema ruhig vorgetragen und es war ihm völlig egal ob jemand zuhört oder nicht, er hatte keinen Ehrgeiz ob wir etwas lernen oder nicht.

Als es einmal besonders laut war in der Klasse hat er nur gesagt:

„Ich muss euch nichts beibringen, ich bin pragmatisiert, mir ist es völlig egal ob ihr etwas lernt oder nicht.“ Mich hat sein Desinteresse erschüttert! Ja, für mich war es ein Schock weil ich gespürt habe ich sitze da für nichts! Der Lehrer hat überhaupt kein Interesse daran in mir etwas vorwärts zubringen.

Das heißt, wenn das Interesse nicht von mir ausgeht, dann kann gar nichts funktionieren. Ich kann nicht darauf vertrauen das ein Lehrer mir Wissen vermittelt, ich muss wenn ich weiterkommen will mir selbst Wissen aneignen. Das war auch der Grund warum ich nicht weiter zur Schule oder an die Universität gegangen bin. Es wäre zwecklos gewesen, denn wenn nicht auf beiden Seiten Bereitschaft und Interesse für mehr Wissen vorliegt, dann ist es sinnlos, dann ist es gescheiter man eignet sich Wissen selber an.

So wie es tatsächlich gehandhabt wird entsteht auch die Gesellschaft der Konsummenschen, die einfach nicht viel nachdenken, sich berieseln lassen, und keinen eigenen Willen produzieren, eben Schienenmenschen.

“Ich finde die Österreicher sind richtige Schienenmenschen:“

Sie werden von der Schule an auf Schienen gestellt und müssen dann auf diesen Schienen fahren, von oben gelenkt bis zum Tod, bis zum Friedhof, nur nicht viel rechts und links schauen gerade auf den Schienen bleiben, und fertig!

 

Wie war ihr Verhältnis zu Ihren Mitschülern?

Haben Sie viele Freunde gehabt?

 

Ich hatte Freunde, aber da ich ja sehr viel in der Fabrik gearbeitet habe, hatte ich nicht sehr viel Zeit für Freundschaften. Es gab Zeiten wo mein Vater gesagt hat:

„Jetzt laß einmal die Fabrik, geh und unternimm etwas mit deinen Freunden!“ Das habe ich dann notgedrungen zirka vierzehn Tage gemacht, dann ist es mir langweilig geworden weil ich alle ihre Aktivitäten so blöd und kindisch gefunden habe und mich die Realität viel mehr interessiert hat, und -schwupp- schon war ich wieder im Betrieb.

 

Was haben Ihre Freunde dazu gesagt?

Haben die nicht gefragt was Sie machen während die anderen alle Fußball spielen?

 

Für die anderen war das was ich gemacht habe nur Arbeit, und das war für sie etwas Lästiges, das zwar notwendig ist um Geld zu verdienen, aber eben unangenehm.

Also, Geld ausgeben war für sie etwas Tolles, aber Geldverdienen nicht. Und für mich war das Tolle eben immer Energie zu produzieren nicht zu verschwenden oder zu vergeuden.

 

Wie war Ihre Beziehung zu den Eltern während Ihrer Pubertät?

 

Die war sehr schwierig, vor allem natürlich auch aufgrund meiner Tätigkeit in der Fabrik. Ich hätte sehr viele Dinge anders gemacht als mein Vater. Ich war sehr innovativ und hätte wesentlich mehr verändert. Mein Vater konnte das aber nicht, weil er in seinem Tagesablauf so eingeengt war das er keine Kraft mehr hatte, obwohl ich ein vollwertiger Mitarbeiter war. Er hat mich als Arbeitskraft akzeptiert, ich habe auch Wesentliches geleistet, denn wäre ich nicht gewesen, hätte man zusätzlich eine Person einstellen müssen. Aber von meinen Veränderungen wollte er nichts wissen.

 

War ihrem Vater das klar, und wenn ja hat er Ihnen das auch gesagt?

 

Das war ihm selbstverständlich klar, direkt gesagt hat er es mir nie, ich habe es aber gespürt. Die Maxime meines Vaters war immer: Es geht nur miteinander, nicht gegeneinander. Damit ist eigentlich alles gesagt, da braucht man nicht viel zu reden.

 

Haben Sie das akzeptiert?

 

Ich habe es akzeptiert vom ersten Tag an als er gesagt hat:

„Wir bringen nur etwas weiter wenn wir es miteinander machen, wenn wir einander bekämpfen kommen wir nicht weiter.“

Auch heute, im gesellschaftlichen und im nationalen Rahmen würde ich sagen:

„Auf dieser Maxime sollte sich nichts ändern, meiner Meinung nach kommen wir nur mit dieser Einstellung weiter.“

 

Wie war die Beziehung zu Ihrer Mutter?

 

In der Pubertät natürlich auch nicht ganz reibungslos, aber meine Mutter war mit Arbeit derart überlastet, dass unsere persönlichen Probleme immer von beruflichen verdrängt wurden. Nach dem Tod meines Vaters waren wir alle drei schon mehr oder weniger außer Haus. Meine Mutter war total allein. Dann hat sie beschlossen Pflegekinder aufzunehmen. Sie hat bis heute sechs oder sieben Pflegekinder großgezogen. Meiner Meinung nach macht sie das sehr gut. Sie hat auch dadurch den Anschluss an das gesellschaftliche Leben wiedergefunden, allerdings ist sie bis heute keine neue Ehe oder eheähnliche Beziehung eingegangen.

 

Behandelt Ihre Mutter diese Kinder anders als sie ihre eigenen Kinder behandelt hat? Haben Sie das Gefühl das sie sich ihnen mehr widmet da sie nicht mehr berufstätig ist?

 

Das würde ich so nicht sagen, die Erziehung dieser Kinder verläuft deshalb anders, weil sie sie ja jetzt hauptberuflich betreibt. Zu unserer Zeit war sie immer abgelenkt, durch den Betrieb, durch den Vater und durch Geldprobleme. Die Pflegekinder hat sie jetzt hauptberuflich und wird vom Staat dafür bezahlt, sie hat jetzt wesentlich mehr Zeit sich den Problemen dieser Kinder zu widmen. Aber im Rahmen ihrer Möglichkeit hat sie immer das Beste gemacht, wir, ihre leiblichen Kinder, fühlen uns keineswegs benachteiligt.

 


Kapitel 03

 

Start ins Berufsleben

 

 

Wann und wie haben Sie ihren ersten Job bekommen?

 

Ich habe die Bundes- Lehr und Versuchsanstalt, Sparte technische Chemie, mit sehr gutem Erfolg abgeschlossen.

Schon in der Schule haben uns die Professoren Stellenangebote vorgelegt. Ich hatte die Möglichkeit, in der Lackfabrik „Rembrantin“ im 22. Wiener Gemeindebezirk, anzufangen. Ich habe damals nicht einmal gefragt, was ich verdienen werde. Nach dem ersten Monat stand dann auf meinem Lohnzettel: viertausendzweihundert Schilling. Und da war mir klar, dass ich die Höhere Lehr und Versuchsanstalt gar nicht besuchen hätte müssen. Es wäre gescheiter gewesen, mit vierzehn oder fünfzehn eine Lehre zu beginnen. Denn wer mit fünfzehn eine Lehre begonnen hatte, der hat zu diesem Zeitpunkt bereits zehn bis fünfzehntausend Schilling verdient. Trotzdem habe ich noch einen Monat dort im Lacklabor gearbeitet und Lackuntersuchungen gemacht. Dann habe ich gekündigt und in der Siegendorfer Zuckerfabrik als Kampagnechemiker im Laboratorium und als Schichtführer gearbeitet.

Dort konnte ich mir die Praxis in Dingen holen, die ich in der Schule theoretisch gelernt hatte. Das Anstellungsgespräch in der Zuckerfabrik beim damaligen Eigentümer, Herrn Conrad P., war besonders interessant für mich. Ich hatte mich als Laborchef beworben und wurde vorgeladen. Herr P. hat mich in seiner Privatvilla empfangen, und zwar im Bademantel er war offensichtlich gerade aufgestanden. Er hat mir einen Platz angeboten und mich gefragt, ob ich mit ihm Kaffee trinken möchte. Ich habe gesagt: „Ja, wenn es keine Umstände macht.“ Dann hat er sich eine Tasse genommen, hat auch mir eine hingestellt, allerdings ohne Löffel er hatte einen. Mir war es unangenehm, nach  einem Löffel zu fragen, also habe ich einfach mit dem Kugelschreiber in der Tasse umgerührt. Daraufhin hat er gesagt: „Sehen sie, solche Leute brauchen wir im Betrieb die innovativ sind, die sich helfen können. Das passt. Sie sind aufgenommen.“

Zuerst bin ich erschrocken, denn es hätte natürlich auch umgekehrt sein können. Aber ich habe dann verstanden, warum er so reagiert hat. Für den Chef eines Unternehmens gibt es wohl nichts Lähmenderes als Leute die wegen jeder Kleinigkeit den Chef fragen, zum Beispiel, wenn auf dem WC das Toilettenpapier fehlt, woher sie es holen sollen. Der Chef ist dazu da, den Betrieb zu führen und alles zu verantworten, und kann sich um solche Kleinigkeiten wirklich nicht kümmern.

Ich habe mich in der Zuckerfabrik sehr wohl gefühlt und mich mit den Kollegen sehr gut verstanden. Die Arbeit hat mir Spaß gemacht, und ich habe sehr gut verdient. In den drei Monaten der Zuckerkampagne wurde Sonn und Feiertags gearbeitet. Von dem ersparten Geld konnte ich dann das ganze Jahr leben. Die restlichen sieben Monate habe ich für Fortbildung genützt. Nebenbei habe ich selbstverständlich immer bei meiner Mutter im Saunabetrieb mitgearbeitet.

 

 

Wie war der Kontakt zu ihren Kollegen in der Zuckerfabrik?

 

Das erstemal in meinem Leben hatte ich jetzt eine Cheffunktion. Sechs bis sieben Damen pro Schicht waren mir untergeordnet. Ich musste ihnen also Anweisungen geben. Die Arbeit mit ihnen war hervorragend, ich habe mich dabei sehr wohl gefühlt. Es waren richtige Menschen, mit denen ich gearbeitet habe: Weinbauern aus der Umgebung, die für drei Monate, wenn in der Landwirtschaft nichts zu tun war, in der  Zuckerfabrik gearbeitet haben. Diese  Menschen, das war für mich sehr ungewöhnlich, waren sehr eng miteinander verbunden. Das betraf nicht nur durch die Arbeit in der Fabrik, sondern sie haben sich auch gegenseitig geholfen Häuser zu bauen völlig unentgeltlich  und dadurch haben sie ihr Dorf und auch ihre Landwirtschaft in die Höhe gebracht. Das hat mich sehr beeindruckt.

Ein anderes Ereignis in dieser Zeit hat mir die Augen dafür geöffnet, wie man die Massen eigentlich mit Hilfe der Medien manipulieren kann. Wir hatten damals eine sehr gute Zuckerernte, besser als je zuvor. Und plötzlich, der Grund ist mir bis heute nicht bekannt, wurde in den Medien eine Zuckerknappheit verlautbart. Das hat sofort zu Hamsterkäufen geführt. Wir mussten über Nacht dreimal mehr ausliefern als normal. So kam es, dass oft Stunden vielleicht auch tageweise in manchen Supermärkten, die betreffenden Regale leer waren. Natürlich konnten dann alle wieder sagen: „Es gibt ja keinen Zucker! Aber das war eine künstliche Panik und völlig irreal.

Es gab zu diesem Zeitpunkt, das konnte ich schließlich beurteilen, sicherlich mehr Zucker als in den Jahren zuvor und es wäre nie zu einer Zuckerknappheit gekommen hätte man sie nicht herbeigeredet. Denn vor allem in der österreichischen Zuckerwirtschaft wird ja vorausgeplant und der Zuckerrübenanbau ist auch enorm hoch. Die Bauern würden sogar noch dreimal mehr Zucker produzieren als Österreich braucht, aber unser Zucker ist in anderen Ländern nicht zu verkaufen, weil sein Preis fünfmal höher ist als der Weltmarktpreis.

 

Warum ist das so?

 

Um den sozialen Staat zu finanzieren. Die Preise bei uns müssen so hoch sein um Umsätze zu erzielen. Unser ganzes Wirtschaftssystem funktioniert nur durch Umsätze. Und solange diese Umsätze gesteigert werden funktioniert das Wirtschaftssystem. Der Weltmarktpreis von Zucker liegt heute bei ungefähr drei Schilling, in Österreich kostet Zucker vierzehn bis fünfzehn Schilling, das heißt, er wäre auf dem Weltmarkt viel zu teuer. Wenn man ihn trotzdem ins Ausland verkaufen wollte, müßte man ihn also wirtschaftlich fördern. Deshalb produziert man in Österreich nur die Menge die man auch im Land verkaufen kann.

 

Es gibt also ausreichend Lagerbestände. Meine Mitarbeiter haben damals ganz normal reagiert. Sie haben gesagt: „Wir wissen das es Zucker gibt. „Und nach vier Monaten war die Welt wieder in Ordnung. Mir aber war von diesem Moment an klar: Was hier mit dem Zucker passiert ist, kann man mit anderen Produkten genauso machen. Man kann das steuern zu jeder Zeit in jede Richtung. Man kann die Massen einfach bewegen und die Dynamik die sich auf dem Markt abspielt hat weder mit dem Kauf noch mit dem Verkauf zu tun und schon gar nicht mit der Leistung, sondern ist reine Spekulation.

 

Sie haben zwar als Kind nie gespielt, aber hätte Sie diese Art von Spiel nicht gereizt?

 

Zumindest hat mich gereizt zu ergründen wie dieses Spiel funktioniert, nicht um selbst mitzuspielen, sondern um daraus zu lernen was daran gefährlich ist und warum gewisse Dinge sich so und nicht anders entwickeln. Das hat mich zur Erkenntnis geführt: Da muss ich weiterforschen. Sechs Jahre nach meiner Einstellung ist dann die Zuckerfabrik an den Raiffeisenverband verkauft worden.

 

Hat das für Sie Veränderungen gebracht?

 

Beruflich nichts, ich habe weiter in der Zuckerfabrik gearbeitet. Aber ich habe in dieser Zeit meine erste Frau kennen gelernt. Vorher waren meine Beziehungen zu Frauen eigentlich sehr kurz und oberflächlich, ich hatte ja nie Zeit um mich intensiv mit dem anderen Geschlecht zu befassen. Als ich sie kennen lernte, war ich sechsundzwanzig und dann war gleich ein Kind unterwegs. Sie hat mir sehr gut gefallen, es war eine tiefe Zuneigung zu ihr da und ich habe ihre Mutter sehr geschätzt.

Sie hatte ein sehr schweres Leben, und ihre Ansichten hatten mir sehr gut gefallen. Sie hat gemeint wenn ein Kind unterwegs ist, muss geheiratet werden. Für mich war das ein schwieriger Entschluss, denn ich habe immer gesagt, heiraten kommt für mich nicht in Frage, ich bin noch viel zu jung. Alle heiraten jung und lassen sich dann scheiden, das ist ein Blödsinn. Dann habe ich überlegt:

Jetzt bin ich sechsundzwanzig, was ist das richtige Alter zum Heiraten?

Soll ich warten bis dreißig oder sechsunddreißig? Ist es dann nicht schon ein bisschen spät? Aus diesen Überlegungen heraus habe ich dann gesagt: „In Ordnung, ich heirate.“

 

Hat Ihre Frau gearbeitet?

 

Nein, das hat sie nicht. Sie war achtzehn Jahre alt und ist gerade aus der Schule gekommen und wurde gleich schwanger. Allerdings muss ich sagen: Die Ehe war die Hölle für mich. Wir haben in einem kleinen Haus gewohnt, das uns von den Schwiegereltern zur Verfügung gestellt worden war, und meine Frau wollte immer das ich bei ihr bin, am besten Tag und Nacht, und mich ständig mit ihr unterhalte.

Aber es war notwendig Geld für unseren Lebensunterhalt zu verdienen, und das hat sie nicht verstanden. Das war die Hölle! Sie ist so weit gegangen, dass sie in der Früh die Türe zugesperrt hat, damit ich nicht hinauskann und länger bei ihr bleibe. Oft musste ich das Haus über das Fenster verlassen, nur um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen. Das habe ich zehn Monate lang geduldig hingenommen und immer auf Besserung gehofft.

 

War ihr nicht deutlich zu machen das das so nicht geht, dass man so nicht leben kann?

 

Ja, ich habe ihr das sogar am Hochzeitsabend ganz deutlich gesagt: „Gabi, unsere Beziehung ist noch nicht die optimale. Da muss sich sicher noch einiges ändern. Es ist sehr gefährlich das wir heiraten, aber wir werde es tun. Ich denke an das Positive. Ich will alles in diese Beziehung investieren was mir möglich ist um das Beste daraus zu machen. Diese Bereitschaft habe ich, und deshalb heirate ich auch. Aber wenn es nicht gut geht, dann sei bitte nicht böse, dann gehen wir auseinander! „Und am 362. Tag danach war dann die Scheidung.

 

Wie war eigentlich das Verhältnis zu Ihrem kleinen Sohn?

 

Ich habe ihn geliebt wie es mir zu dieser Zeit als Vater eines Sohnes eben möglich war. Seine Geburt war für mich ein besonderes Erlebnis, und ich habe gewusst, jetzt ist hier ein Lebewesen, das ich in diese Welt gesetzt habe, und ich muss jetzt dafür Sorge tragen, dass es behütet und gut heranwächst. Und ich machte mir Gedanken und Sorgen über seinen Lebensweg. Aber diesen mit zu bestimmen, ist nicht so leicht möglich das habe ich durch die Scheidung erfahren. Denn das herrschende Familienrecht räumt in diesem Fall dem Vater keinen Einfluss auf die Erziehung seines Kindes ein. Ich kann heute nicht einmal bestimmen, in welche Schule mein Sohn gehen soll.

Das Recht des Kindes auf den Vater ist in der österreichischen Familiengesetzgebung nicht verankert, was eigentlich eine Schande ist für ein Land, das sich zu den Menschenrechten bekennen will.

 

Würden Sie gern mehr Einfluss nehmen auf die Erziehung Ihres Sohns?

 

Ich habe einen Vorschlag dieser Art gemacht, aber mein Sohn geht heute ins Sportgymnasium in Wiener Neustadt. Es ist nicht schlechter und nicht besser als andere Gymnasien, man zahlt nur mehr dafür. Es heißt zwar Sportgymnasium, aber es hat keine speziellen sportlichen Aspekte.

 

Haben Sie sich mit Ihrem Sohn darüber unterhalten, wie er sich dort fühlt und ob er dort gern hingeht, oder darüber, was für Neigungen er hat?

 

Das habe ich, aber mein Sohn hat dazu keine eigene Meinung. Er hat eine sehr starke Verbindung zu seiner Mutter. Die ist ein Mensch, der sehr im Leiden lebt. Sie leidet gerne und hat sehr wenig Ansprache. Mein Sohn kümmert sich sehr um sie und muss zum Teil fast einen Partner ersetzen. Dadurch ist er natürlich massiv überfordert. Er versucht zwar sie bei guter Stimmung zu halten aber das gelingt ihm natürlich nicht immer. Für mich grenzt das fast an Kindesmissbrauch.

 

Haben Sie nie versucht, dagegen etwas zu unternehmen?

 

Doch, ich habe es immer wieder probiert, aber es gibt keinerlei rechtliche Möglichkeit. Solange eine Mutter zu ihrem Kind steht, wird kein Richter der Welt dem Vater die Pflegschaft übergeben. Da heißt es: „Lieber eine schlechte Mutter als gar keine Mutter! Ich habe auf Grund der Gesetzeslage heute nicht einmal die Möglichkeit zu erfahren wo mein Kind ist falls die Mutter Österreich verlassen will und mich darüber nicht informiert.

 

Haben Sie Kontakt zu Ihrem Sohn? Wenn ja, erkennen Sie an ihm gewisse Ähnlichkeiten mit sich selbst?

 

Ja, ich habe relativ guten Kontakt zu ihm. Er kommt ein oder zweimal im Jahr zu mir nach Brasilien. Das Komische ist, wenn er kommt, fühlt er sich eine Woche sehr wohl und dann ist ihm plötzlich alles langweilig und er wird unruhig. Er ist so wie ich: Ich brauche auch immer Bewegung im Kopf, also vier Wochen Ruhe könnte ich nie aushalten.

Ich erinnere mich an meine Kindheit: Als ich dreizehn war, war ich einmal mit meinen Eltern in Lignano, nur am Strand liegen und Sonne ich habe es gehasst! Deshalb habe ich dann in dem dreizehnstöckigen Hotel, in dem wir gewohnt haben, unentgeltlich die Stiegen aufgewaschen. Meine Mutter hat das damals verrückt gefunden.

Ähnlichkeiten hat mein Sohn also schon mit mir. Er ist auch eher verschlossen, zurückhaltend, sehr sensibel, aber sehr aufmerksam, und er registriert nur das was ihn wirklich interessiert. Da hat er die gleichen Probleme, die ich hatte. Es gab spezielle Dinge die mich interessierten und da habe ich dann wie ein Wilder gearbeitet. Bei allem anderen habe ich nur das Notwendigste getan.

 


Kapitel 04

 

David gegen Goliath  –

Der Kampf mit den Behörden

 

 

Wie ist es nach der Scheidung weitergegangen?

 

In dieser Zeit ist sehr viel danebengegangen und viel zu Ende gegangen. Mein Vater ist gestorben, also musste ich einfach selbständig werden. Ich mußte allein für mein Fortkommen sorgen, für meine geschiedene Frau Alimentationszahlungen leisten, und dann wurde auch der Saunabetrieb geschlossen. Dadurch hatte ich auch zunehmend Kontakt mit den Behörden, und da sind mir Dinge deutlich aufgefallen, die nicht ganz in Ordnung waren. Ich hatte ja vorher nur den üblichen Kontakt mit Behörden, etwa bei Auto und Verkehrskontrollen.

 

Wie war das mit den Verkehrskontrollen?

 

Mir fiel auf, daß die Beamten meistens von oben herab, sehr arrogant im Befehlston, die Autopapiere etc. verlangten. Ich konnte diesen Ton sehr gut nachmachen und habe dementsprechend geantwortet. Ich habe mich auch völlig sicher gefühlt, ich hatte keine Vorstrafen, ich habe nicht getrunken, ich war ein ordentlicher Bürger und war stolz darauf. Also war es für mich umso unangenehmer, so von oben herab behandelt zu werden. Natürlich sind dadurch bei den Beamten Aggressionen entstanden, und man wollte mir zeigen, daß man so mit einem Amtsorgan nicht umgehen könne. Zuerst hatte ich eigentlich nicht besonders viele Verkehrskontrollen. Eskaliert ist das erst als wir den Saunabetrieb schließen mussten. Das geschah auf Grund einer gewerberechtlichen Untersuchung, das heißt der Bezirkshauptmannsstellvertreter kam in der Funktion einer Gewerbebehörde, kontrollierte den Betrieb und fand, daß bei einer Trockenhaube ein Kabel kaputt war. Seine erste Aussage war, dann müsse man den Betrieb eben schließen, er könne das so nicht verantworten.

Nun waren wir in der Klemme: Drei Stunden später hätten wir den Betrieb aufsperren müssen, und er wollte schließen. Wir hätten also ein Schild hinausgehen müssen:

„Aus gewerberechtlichen Gründen geschlossen! „Jeder weiß, daß so etwas nur in Zusammenhang mit einem Pilz im Schwimmbecken oder irgendwelchen anderen katastrophalen hygienischen Zuständen zustande kommt. Doch sonderbarerweise ging mir im Moment, als er sagte, er müsse den Betrieb schließen, durch den kopf: Wir führen diesen Betrieb ja gar nicht effizient; wir haben ihn nie rentabel geführt; es hat nichts gebracht; es war viel Anstrengung mit nichts. Und plötzlich habe ich mir gedacht: Wenn wir gewerberechtlich geschlossen werden, kann das Finanzamt schließlich auch nicht sagen, das sei eine Liebhaberei gewesen, und kann auch keine Steuerrückzahlung verlangen.

Ich sagte also: „Ja bitte, schlieben Sie den Betrieb, aber geben Sie mir das bitte schriftlich!“ Daraufhin hat er eingelenkt und sofort gemeint, er könne ja Nashsicht üben und es wäre alles nicht so schlimm. Aber ich habe in genau dem gleichen Tonfall, in dem er seine Drohungen vorgebracht hatte, geantwortet: „Nein es ist schon in Ordnung!“ Daraufhin  konnte er nichts anderes mehr machen, als den Betrieb zu schließen, und wir waren jetzt finanzrechtlich gedeckt.

 

Woher wussten Sie dass die Steuer Keine Ansprüche  mehr hat?

 

Unser Buchhalter hat mich darüber informiert, dab wir Vorsteuerbeträge geltend gemacht haben. Bei einem Bau über zwei Millionen Schilling sind das allein vierhunderttausend Schilling. Wenn wir das bezahlen hätten müssen hätten wir das Haus verloren. Diese Steuer ist dadurch entstanden, dab wir für den Hausbau Materialien gebraucht haben. Dafür haben wir Rechnungen erhalten, die mit zwanzig Prozent Mehrwertsteuer belastet waren. Ist man Gewerbetreibender und baut ein Haus nicht nur zur privaten, sondern auch zur gewerblichen Nutzung, so ist man berechtigt, diese zwanzig Prozent Mehrwertsteuer dem Finanzamt als Vorsteuer anzurechnen. Man bekommt sie in Form von Bargeld zurück, allerdings mub der gewerberechtliche Zweck nachgewiesen werden.

 

Sie hätten also alles zurückzahlen müssen, wenn dieser Nachweis nicht möglich gewesen wäre?

 

Ja, aber durch die gewerbebehördliche Schliebung war die Sache klar. Das Finanzamt konnte von uns nichts mehr zurückverlangen. Wir hätten das Geld auch zurückzahlen müssen, wenn der Betrieb nicht lange genug bestanden hätte, aber das war bei uns damals nicht der Fall. Vorher hatte ich immer die Angst, dab wir die Sauna unbedingt weiter betreiben müssen, weil wir sonst das Haus verlieren.

 

Haben Sie sich damals schon mit Steuerrecht beschäftigt?

 

Nein, überhaupt nicht. Das war ja nur die Aussage des Buchhalters, dab man die Vorsteuer zurückverlangen kann, wenn das Haus nur Privathaus ist. Das war für uns ein Horror, denn wir hatten das Geld nicht: Es wäre sicher zur Versteigerung des Hauses gekommen, und wir wären bankrott gewesen. Alles, was mein Vater in seinem Leben aufgebaut hatte, wäre weg gewesen. Darum haben wir auch so lange weitergewurstelt. Aber auf Grund dieser ersten Ereignisse habe ich erkannt, wie arrogant und unmenschlich die Vertreter der Behörde mit einem Bürger umgehen.

 

Sie waren geschieden, die Sauna war geschlossen, und Sie haben ja nur zirka drei Monate im Jahr gearbeitet wie ist es dann weitergegangen?

 

Auf Grund des ständigen Bauens in unserer Familie habe ich eine Menge handwerklicher Fähigkeiten erworben. Ich konnte Fliesen legen, verputzen, mauern, ohne dies je gelernt zu haben. Und so habe ich nach den drei bis vier Monaten Zuckerkampagne immer zwischendurch gepfuscht, auch für unseren Versicherungsmakler. Ich kannte ihn schon aus der Zeit der Sauna. Er hat unseren Betrieb versichert, unser Auto, Haus, Hof, Garten, alles mögliche. So wusste er auch über unsere Verhältnisse gut Bescheid. Ich habe für diesen Herrn S. Sein Haus in Berndorf saniert. Wir hatten ein sehr gutes freundschaftliches Verhältnis und eigentlich nie Probleme, bis es darum ging, einen fälligen Betrag endlich zu zahlen. Er hat mich immer vertröstet, aber das Geld ist nie gekommen. Um aber das Haus fertigzustellen waren noch eine Menge Dinge zwischenzufinanzieren, und er hat mich gebeten für ihn einen Kredit aufzunehmen. Ich war ja kreditwürdig und habe also für ihn einen Kredit aufgenommen, um Baumaterialien vorzufinanzieren.

 

Sie haben also für Ihren Bauherren einen Kredit aufgenommen?

 

Ich hatte ja den Auftrag zu bauen, und ich musste die Leistung vorher erbringen, dann erst würde bezahlt werden. In anderen Fällen habe ich es natürlich nie darauf ankommen lassen, sondern habe höchsten fünfzig bis hunderttausend Schilling ausgelegt. Dann habe ich aufgehört zu arbeiten und gewartet bis wieder Geld eingegangen ist. Ich wollte dieses Haus fertig stellen und in Ordnung bringen. Zu guter letzt war Herr S. mir aber fünfhunderttausend Schilling schuldig. Dafür gab er mir einen Wechsel. Ich habe den Wechsel auf der Bank diskontiert und das Geld erhalten. Die Sache war für mich erledigt, bis mir die Bank mitteilte, dab der Wechsel nicht eingelöst worden und der Mann zahlungsunfähig sei.

Also wurde das Geld wieder von unserem Konto abgebucht und der Wechsel an mich retourniert. In der Zwischenzeit hat Herr S. immer wieder angerufen und mich vertröstet, aber ich konnte nichts mehr machen, als den Wechsel zu Protest zu geben. Seine Reaktion darauf war eine blanke Drohung: Wenn ihr den Wechsel einlöst, werdet ihr das noch bereuen, dann wird etwas passieren!“ Ich habe mich aber nicht einschüchtern lassen und den Wechsel zum Anwalt gegeben. Zu dieser Zeit bin ich einen Ford Escort gefahren, eigentlich ein Havariefahrzeug, das ich  picobello renoviert bei einem Händler in Alland gekauft hatte. Dieses Auto wurde mir zweieinhalb Monate vor dieser Angelegenheit mit dem Wechsel in Salzburg gestohlen. Ich war dort auf dem Messegelände, das Auto stand auf dem Parkplatz, und als ich wiederkam, war es weg. Ich hatte das Auto damals, wie immer, wenn wir überland oder auf Urlaub gefahren sind bei einem Autofahrerclub für diese Zeit Vollkasko versichern lassen. Aus diesem Grund habe ich natürlich sofort in der Stadt Salzburg die Diebstahlsanzeige gemacht. Ich habe gewartet und gewartet, aber weder von der Polizei noch der Versicherung je etwas gehört. Nach sechzig Tagen kann man wenn das Fahrzeug nicht auftaucht bei der Versicherung urgieren. Ich habe einen Brief geschrieben, doch niemand hat geantwortet. Dieser Brief war vielleicht etwas unglücklich aggressiv formuliert.

Jedenfalls war der Schadensreferent der Versicherung von dem Schreiben nicht sehr angetan. Er war ein ehemaliger Kriminalpolizist, nach fünfzehn Dienstjahren bei der Versicherung als Schadensreferent tätig, und er hat seine Kollegen verständigt und gemeint, dab an dieser Sache irgend etwas nicht stimmen könne, oder besser gesagt: sollte. Bei Versicherungssachen ist es ja immer so, dab der Versicherungsnehmer der Hautverdächtige ist. Also hat die Gendarmerie, mit der ich so und so nicht auf gutem Fub stand, gegen mich ermittelt. Die ursprünglich seltenen Verkehrskontrollen wurden immer häufiger. Zum Schlub hatte ich Spitzenwerte von achtundzwanzig Fahrzeugkontrollen pro Monat im Ort. Ich habe mich dann beim Bezirkskommandanten beschwert. Der hat sich für mich eingesetzt und ist sogar zum Gendarmerieposten gefahren. Daraufhin wurde es ein bibchen besser, aber im Prinzip hat sich nichts geändert.

Das war manchmal problematisch, da wir mehrere Autos hatten und es schon einmal vor kam, dab ich den Führerschein in einen der anderen Wagen liegengelassen hatte. Sie wubten aber ganz genau, dab ich einen gültigen Führerschein habe, nichts trinke und trotzdem haben sie mich immer angezeigt. Mir waren diese Schikanen dann schon ziemlich egal, ich habe mich gegen die Anzeigen gewehrt und habe sie beeinsprucht. Ich bin damit immer erfolgreicher geworden, und zirka die Hälfte der Anzeigen mubten zurückgezogen werden. Natürlich hat das nicht zur Harmonisierung der Situation beigetragen, sondern alles nur noch verschärft.

Die Gendarmerie und ich haben uns gegenseitig das Leben schwergemacht, wo es ging. Ich hatte zum Beispiel einen Löffelbagger, der als Baumaschine deklariert war. Er war mit einen 10-Stundenkilometer-Schild ausgestattet, brauchte also keine Kennzeichen und mubte nicht polizeilich gemeldet sein, sondern nur als selbstfahrende Arbeitsmaschine registriert werden. Mit diesem Gerät fuhr ich eines Tages in Pottendorf auf eine stark befahrene Kreuzung, in die drei Straben münden, zwei Vorrangstrassen und eine Nebenstraße. Ich kam aus der Nebenstraße und fuhr in die Kreuzung, in diesem Moment sah ich den Polizisten. Er hat mich zuerst nicht erkannt. Ich fuhr also weiter, aber in den nächsten Sekundenbruchteilen hat er mich dann erkannt, und deutete mir:

„Halt!“ Ich stand unmittelbar vor der Mitte der Kreuzung und dachte: Ich fahre noch durch die Kreuzung und bleibe dann nach zehn Metern am Straßenrand stehen. Aber in der nächsten Zehntelsekunde deutete er mir sofort auf der Stelle stehenzubleiben. Ich habe sofort reagiert, alle vier Reifen haben blockiert, und ich bin mitten auf der Kreuzung zum Stehen gekommen. Ich habe vorne die Schaufel heruntergelassen und hinten den Löffel, bin ausgestiegen und habe ganz ruhig gefragt: „Was ist?“ „Fahrzeugkontrolle, aber da können  Sie nicht stehenbleiben!“

Da habe ich gesagt: „Sehen Sie, ich wollte da vorne an die Seite fahren, aber Sie habe mir gedeutet, sofort stehenzubleiben. Jetzt stehe ich da, und ich bleibe da! Auf Wiedersehen! Und wenn Sie fertig sind, dann holen Sie mich wieder.“ Ich bin dann die dreihundert Meter in Richtung auf unser Haus zugegangen. Da ist er schon hinter mir hergerannt und hat gesagt: „Das Können Sie nicht machen! “Natürlich gab es ein Verkehrschaos. Die Autos auf der   Vorrangstrabe  haben sich gestaut und zu hupen angefangen. Ich habe aber gesagt: „Mir ist das egal. Sie haben gesagt, ich solle halten und das habe ich gemacht! “Wir haben sechs, sieben Minuten herumdebattiert, die Leute sind aus den Autos ausgestiegen und haben geschimpft. Ich habe gesagt: „Ich weib nicht, was er von mir will. Er hat gesagt, ich mub da stehenbleiben. Jetzt stehe ich da, wo ist das Problem?“

Man kann sich vorstellen, wie konfus die Situation war. Der Polizist ist wahnsinnig verlegen geworden, weil sich das Volk gegen ihn gewandt und gefragt hat: „Warum hast du ihm gesagt, er soll da stehenbleiben?“ Die Situation war für den  Polizisten ziemlich irritierend. Aber ich war stur. Ich habe mich wieder in den Bagger gesetzt und zehn Minuten nicht gerührt. Der Polizist hat dann die Feuerwehr ersucht, das Fahrzeug abzuschleppen. In dem Moment, in dem er der Feuerwehr diesen Befehl gegeben hat, habe ich mich in Bewegung gesetzt und bin sofort nach Hause gefahren. Fünfzehn Minuten später ist er zu mir ins Haus gekommen (das waren gerade noch die letzten Tage bevor die Sauna geschlossen wurde und ich hatte gerade Dienst) und hat gesagt: „Sie sind verhaftet! “Auf meine Frage, weswegen, meinte er: „ Widerstand gegen die Staatsgewalt!“  Habe ich gesagt: „Gut, rufen Sie drei Funkstreifen, sieben Kollegen, dann gehe ich freiwillig mit.“ „Nein, das brauchen wir nicht. Sie gehen mit mir!“ Daraufhin habe ich gesagt: „Nein, ich gehe nicht mit Ihnen.“ Darauf meinte er: „Das werden wir ja sehen! “Packte mich am Arm, und wollte mich mitziehen.

Ich hielt mich am Geländer fest. Es waren viele Leute dabei, unsere Saunagäste, die haben darüber gelacht. Dann habe ich gesagt: „Sie brauchen Verstärkung. Mit Ihnen gehe ich nicht. Sie haben mir keinen Haftgrund genannt. Und auberdem, Sie sehen, ich arbeite. Ich komme nach dem Dienst, aber jetzt mub das nicht sein. “Jedenfalls hat er noch weiter gezogen und sich blamiert und dann ist er gegangen und nie wieder gekommen. Und es ist auch nie wieder etwas darüber geredet worden. Die Sache war erledigt.

Ich habe diese Geschichte nur erzählt, um zu zeigen, dab ich bei der Gendarmerie in Pottendorf, Bezirk Baden, keine Freunde hatte. Das ist dort eine verschworene Clique. Aber wie gesagt, diese Konflikte haben ganz langsam mit unfreundlichen Begrüßungen begonnen und sind dann immer mehr eskaliert. So ist es auch erklärlich, dab die Gendarmerie kein Interesse hatte irgend etwas mit meinem Versicherungsakt zu tun. Sie verschleppten die Sache und kümmerten sich nicht darum.

Und dann war dieses Ereignis mit dem Wechsel: Vier Tage nachdem ich den Wechsel zu Protest gegeben hatte standen plötzlich Kriminalbeamte aus Wien vor der Tür und sagten, sie wübten wo mein Auto wäre. Ich habe mich gefreut und gesagt: „Wunderbar, dann bringen Sie es mir doch bitte gleich her!“ Sie meinten das könnten sie nicht, ich wüsste ja selbst wo mein Auto sei, ich hätte es nämlich vergraben. Und jetzt müsste ich mitkommen, um ein Protokoll aufzunehmen.

Auf dem Gendarmerieposten haben sie mich in ein Zimmer verfrachtet, und alle Gendarmen hinausgeschickt. Nur die beiden Kriminalbeamten sind bei mir geblieben und haben mich verhört. Sie haben behauptet sie hätten einen Zeugen der aussagt ich hätte mein Auto zerschnitten und vergraben. Auf meine Frage wer das sei sagten sie, das wollten sie von mir wissen. Worauf ich natürlich geantwortet habe: „Wieso sollte ich mein Auto zerschneiden und vergraben? Ich könnte es ja verkaufen. Wo ist der  Vorteil bei dieser Sache?“ Das sei in diesem Fall uninteressant meinten sie, es zähle die Tatsache, dab ich es zerschnitten und vergraben habe. Was ich ja auch machen dürfe, aber ich dürfte dann nicht von der Versicherung das Geld kassieren.

Auf meine Frage, wo ich es zerschnitten und vergraben hätte, meinten sie, das wollten sie von mir wissen. Darauf ich: „Ihr habt ja eine Anzeige also muss derjenige, der mich angezeigt hat, wissen, wo das Auto vergraben ist.“ Nein, das wüssten sie ohnehin, aber sie müssten es auch noch von mir wissen, damit es amtlich sei. So ist es stundenlang weitergegangen. Der eine Beamte war so um die fünfundfünfzig Jahre und hat ständig Bier getrunken. Nach vier, fünf Stunden hatte er eine Alkoholfahne, dab es mich fast umgehauen hat. Am Anfang war die Vernehmung problemlos. Sie haben mir immer dieselben Fragen gestellt, und meine Antworten waren umso blöder, je blöder die Fragen waren. Ich habe das gleiche Spielchen mit ihnen gespielt wie sie mit mir. Ich habe sie überhaupt nicht ernst genommen. Die Situation war ja auch grotesk. Ich habe überhaupt nichts angestellt und wurde auf das absurdeste beschuldigt. In meinen Augen war das ein Spielchen von Kripo und Gendarmerie, die damit wieder probieren wollten, mir irgend etwas Konstruiertes anzuhängen.

Und so ging es weiter. Ein Wort gab das andere. Sie wurden immer aggressiver. Sie begannen, mich anzufassen und zu stoben. Sie schrien immer wieder: „Wir wissen ohnehin alles!“ Darauf habe ich geantwortet: „Warum fragen Sie mich dann so blöd?“ Das hat sie so auf die Palme gebracht, dab die Situation immer mehr eskalierte. Sie haben mich geschlagen, geohrfeigt, ich bin vom Sessel gefallen und dann in einer Ecke des Raumes gelegen, habe mir die Jacke über den Kopf gezogen weil ich ja nicht wubte wohin überall sie mich treten. Dann waren sie wieder zehn Minuten freundlich. Ich bekam etwas zu essen.

Dann ging es wieder los: „Sie schauen so aggressiv aus, wir müssen Ihnen die Hände hinter dem Sessel fesseln.“                                    

    

So ist das zwölf oder vierzehn Stunden gegangen. Dabei war aber immer die Türe zu, die Gendarmen durften den Raum nicht betreten, nur diese beiden Kripobeamten, sie waren der festen Meinung, dass ich das Auto unter einem von mir gebauten Haus vergraben hätte.

 

Hatten Sie in der Zwischenzeit so viele Häuser gebaut?

 

Nein. Ich habe beim Aufstellen eines Fertigteilhauses geholfen. Und während des Verhörs habe ich dauernd nachgedacht, wer da dabei war. Da haben mir nämlich eine Menge Leute geholfen. Natürlich hatte ich dort nichts vergraben, aber irgend jemandem mubte damals dort die Idee gekommen sein.

 

Haben Sie im Laufe des Verhörs realisiert, dab diese Anschuldigungen irgendeinen realen Hintergrund haben könnten?

 

Das war mir klar als sie ein Haus nannten an dem ich gearbeitet hatte, davon konnte die Gendarmerie nicht wissen, weil sie mich dort nie gesehen hatten. Also wubte ich, dass irgend jemand, der dort dabei war mich mit diesem Haus in Zusammenhang gebracht hatte. Da war mir auch klar, dab mehr dahinter steckte. Denn nur dieser Konflikt mit der Gendarmerie konnte nicht das auslösende Moment dafür sein, dab man jetzt so knallhart mit mir umging. Ein anderer Schock war, dab es für mich bis zu diesem Zeitpunkt völlig unvorstellbar gewesen war, dab die österreichische Polizei jemanden schlägt, das war schon in meiner Erziehung begründet. Da galt Österreich immer als das Superland. Österreich ist frei, Österreich ist eine demokratische Republik, wo alles vom Willen des Volks ausgeht, Österreich hat eine freie Marktwirtschaft, jeder kann tun und lassen was er will, jeder hat die gleichen Chancen. Das war in meinem Gehirn eingeprägt.

 

 Also auch das Bild von der Polizei als Freund und Helfer?

 

 Selbstverständlich ist die Polizei dein Freund und Helfer, und hier in Österreich gibt es Menschenrechte, und die werden eingehalten und verteidigt. Und Zeiten wie damals im Zweiten Weltkrieg, wo man Mensch mibhandelt und gequält hat, das kann es hier nicht mehr geben. Dab in Österreich irgend jemand geprügelt oder mibhandelt wird das war für mich einfach undenkbar, also war es ein Schock für mich. Nur andererseits: Ich habe ein paar Ohrfeigen riskiert. Jetzt sollte ich unterschreiben etwas getan zu haben was ich nie getan hatte. Ich habe nicht unterschrieben. Und darum ist es weiter und weiter gegangen. Die Prügel wurden immer ärger. Schlieblich hat man mir einen Plastiksack über den kopf gezogen. Und sie meinten: „Na, dann schauen wir uns mal an, ob du jetzt nicht redest.“ Die Hände waren mir nach hinten gebunden, der Plastiksack von hinten über den Kopf gezogen. Und knapp bevor ich bewubtlos wurde, genau dann, wurde er wieder weggenommen.

Die wubten ganz genau, wann der kritische Punkt war, Sie hatten offensichtlich Erfahrung, und ich dachte mir: „Das machen die nicht zum ersten mal. “Ich bin davon unendlich müde geworden, und dann kam der Punkt, wo ich mir gesagt habe: „Es ist  mir schon alles egal, ich unterschreibe alles, was Sie wollen, ich will nur meine Ruhe!“  

 

Sind Sie wirklich so massiv gequält worden?

Man hat Ihnen tatsächlich einen Plastiksack über den Kopf gezogen?

 

Ja, und das Schreckliche daran ist: Wenn ich vorher gewubt hätte, dab so etwas möglich ist, hätten sie mich nicht dazu gebracht zu unterschreiben. Ich hätte mich vermutlich vorher umbringen lassen. Aber ich war schockiert, und das hat den Effekt verstärkt.

Diese Erfahrung macht man nur einmal beim zweiten Mal gäbe es sicher keine Unterschrift mehr. Nur haben die natürlich genau gewubt, was sie tun. Mit der Unterschrift war dann der Fall gelaufen. Da konnte ich dann reden, Beweise bringen, was ich wollte. Ich war festgenagelt, ich hatte ein Geständnis unterschrieben. Ich habe es nicht einmal gelesen. Dann wurde ich nach Wien ins Polizeigefangenenhaus überstellt. Dort verbrachte ich eine Nacht. Am nächsten Tag haben sie mich wieder nach Ebreichsdorf geführt, und dort habe ich dann gelesen, was ich am Vortag unterschrieben hatte. Nur war der Auftritt dort ein ganz anderer: Triumphierend legten die Kriminalbeamten den Gendarmen mein unterschriebenes Geständnis vor und meinten, ihnen wäre es ja nun gelungen den Verbrecher und Versicherungsbetrüger zu einem Geständnis zu bringen. Und für dieses Geständnis haben sie sich feiern lassen. Ich habe es schließlich auch gelesen, es war wirklich unsinnig. Ich habe, schon bevor ich unterschrieben habe, trotz meiner Schwäche immer wieder versucht, es so zu formulieren, dab ein erfahrener Richter sofort weib, dab so ein Unsinn nur unter Druck zustande kommen konnte. Dann sagten die Kriminalbeamten: „Sie sind verhaftet!“ In diesem Moment war mir klar, dab ich jetzt Hilfe brauchte. Und so meinte ich: „Ich will meinen Anwalt sprechen. Ich spreche kein Wort mehr ohne Anwalt. Alles andere interessiert mich nicht. „Die Kriminalbeamten haben darauf nur gesagt. „Wir sind da nicht in Miami. So etwas gibt es da nicht.“

Dann haben sie mich ins Untersuchungsgefängnis von Wiener Neustadt gebracht. Das erste Mal in meinem Leben mubte ich alles ablegen, aber ich wurde dort obwohl ich ein Häftling war mit Respekt behandelt, nicht freundlich, nicht böse sondern mit Respekt. Das stand im Gegensatz zur Behandlung durch Kriminal und Gendarmeriebeamte. In der Zelle habe ich dann darauf gewartet, dab mich der Untersuchungsrichter verhört. Das hätte er innerhalb von achtundvierzig Stunden machen müssen.

 

Mein Untersuchungsrichter ist erst am dritten Tag gekommen und hat mich gefragt was ich zu den Vorwürfen zu sagen hätte. Ich habe ihm mitgeteilt, dab das alles Blödsinn ist und habe ihm erklärt  was passiert ist, und gehofft, dab  er sagt: „Unverständlich, das gibt es ja nicht! „Da müssen wir etwas unternehmen.„ Das hat er aber nicht. Er hat es hingenommen wie die selbstverständlichste Sache der Welt. Da bin ich schon skeptisch geworden. Er hat nicht einmal mit der Augenbraue gezuckt, als ich ihm die Angelegenheit mit dem Nylonsack erzählte. Er fragte nur: „Wollen Sie das alles zu Protokoll geben? Wollen Sie eine Anzeige machen?“ Das hat praktisch so geklungen wie: Wollen Sie mir noch mehr Arbeit machen, das bringt doch sowieso nichts, es wird nur schlechter für Sie. Da sagte ich: „Nein, lassen wir es, vergessen wir es.„ Dann meinte er wieder: „Was sagen Sie zu den Anschuldigungen? Darauf ich: „Ich wurde unter Druck gesetzt, die Anzeige entbehrt jeglichen Hintergrunds. Ich habe kein Auto vergraben, ich habe  damit nichts zu tun!„ Aber er hat sagte: „Ich kann da nichts machen. Ihr Geständnis ist da, es ist unterschrieben, und ich glaube es. Und da war mir eigentlich klar, dab er überhaupt kein Interesse an der Wahrheit hatte, für ihn war die Sache nur ein lästiger Akt, der einfach schnell zu bearbeiten war. Ich war ihm nicht sympathisch und er mir nicht. Und so blieb ich einfach eingesperrt. Im Gefängnis hat man mir dann gesagt: „Sie haben ein Recht auf einen Anwalt, das ist ganz klar. Wir werden schauen, was wir machten können.„ In der Untersuchungshaft ist es nämlich so, dab man selbst nichts bestimmen kann. Man kann Anträge an den Untersuchungsrichter stellen, aber die Strafvollzugsordnung sieht in Österreich vor, dab einem U-Häftling bei Verdunklungsgefahr der Kontakt zu einem Rechtsanwalt oder zu dessen Vertreter oder zu einem Bekannten im Extremfall zwei Monate verwehrt werden kann. Und mein Untersuchungsrichter hat mich zirka sechs Wochen dunsten lassen. Da gab es keinen Rechtsanwalt, keinen Besuch, nichts. Der Fall war ja nicht geklärt. Hätte ich allerdings das Geständnis vor dem Untersuchungsrichter noch einmal unterschrieben, hätte ich am nächsten Tag nach Hause gehen können. Der Richter hätte mich sofort entlassen. Ich hatte einen guten Leumund, keine Vorstrafen, und der Verdacht lautete ja nur: Versuchter Versicherungsbetrug. Aber sie wollten mir noch etwas anderes unterschieben.  

So zirka drei bis vier Wochen, nachdem man mir das Auto gestohlen hatte, ist in einem meiner Lager, im Fischerpark zwischen Ebreichsdorf und Weigelsdorf, ein Brand ausgebrochen. Dieses Lager war gegen Brandschaden versichert, und zwar von jenem Herrn S., der mich schwer bedroht hatte, nachdem ich seinen Wechsel hatte platzen lassen. Vermutlich steckte er dahinter, als man mich plötzlich der Brandstiftung bezichtigte. Obwohl ich für diesen Tag  einwandfrei ein Alibi nachweisen konnte, das von mehreren Zeugen bestätigt wurde, ist im Akt diese Causa weiter verzeichnet gewesen. So lautet die Anklage schlieblich: „Verdacht des schweren Versicherungsbetrugs“, weil damals der Wert meines Autos über 100.000.- Schilling lag, und das war die Grenze zum schweren Versicherungsbetrug, und: „ Anstiftung zur Brandstiftung oder Brandstiftung als solche.“ Man begründete das damit, dab ich ja jemanden zum legen des Brandes angestiftet haben hätte können. Vom Verdacht der Brandstiftung hat man dann Abstand genommen, weil ja für den Untersuchungsrichter durch mein unterschriebenes Geständnis die Sache mit dem Auto sowieso hieb- und stichfest war. Übrigens ergänzend: Bis heute weib man nicht, wie der Brand ausgebrochen ist, und es war auberdem ein sehr geringfügiger Schaden.


Kapitel 05

 

U-Haft - Zeit der Reife

 

 

Die ersten sechs Wochen im Untersuchungsgefängnis in Wiener Neustadt waren für mich eine Katastrophe. Für mich ist diese österreichische Welt zusammengebrochen. Diese Schande! Das hatte ich mir zuvor nicht vorstellen können. Mein Lebenswandel war bis zu diesem Zeitpunkt vollkommen integer. Nichts wollte ich schlecht machen, immer das Beste geben! Die Möglichkeit im Gefängnis zu landen war für mich ungefähr so absurd wie die Vorstellung auf den Mond zu fliegen. Ich hatte ein reines Gewissen, ich habe nur gearbeitet um Geld zu verdienen, damit es mir gut geht. Das war meine Philosophie. Wenn es mir schlecht gegangen wäre, hätte ich meine Arbeitsintensität gesteigert. An der Arbeit hatte ich Spaß und Lust und gute Laune und ich hatte immer einen starken Drang zur Produktivität - und jetzt war ich in Haft, das war für den Moment meine Welt. Ich dachte: Was denkt meine Ex-Frau, was denkt mein Sohn, was denkt meine Mutter, meine Geschwister, wie sehr sind sie jetzt davon betroffen! Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, daß sogar schon die Zeitungen über meinen Fall berichtet haben.

Der „Kurier“ hat am Tag meiner Festnahme sogar geschrieben: „Betrüger verhaftet.“ Offensichtlich hatten die Kriminalbeamten die Story verkauft. Sie haben „Betrüger“ geschrieben, obwohl sie das erst nach meiner rechtskräftigen Verurteilung gedurft hätten. Nur wusste ich von nichts und konnte nicht darauf reagieren. Damals war die Verjährung für Pressedelikte nur drei Wochen. Sie wussten offensichtlich, daß ich keinerlei Möglichkeiten hatte die Zeitung zu bekommen, und es deshalb auch zu keiner Anzeige kommen würde. Auch meine Angehörigen konnten nichts dagegen unternehmen weil sie nicht wussten was los ist. Sie konnten mir nicht einmal einen Rechtsanwalt schicken, weil der ja keinen Zutritt zu mir bekommen  hätte. Für mich war es auf jeden Fall eine  katastrophale Situation.

 

Wie haben Sie den Gefängnisalltag bewältigt?

 

Ich bin in einer Zelle mit vier Anderen gesessen, das waren Österreicher und Ausländer. Die haben meinen Fall überhaupt nicht gekannt, wir haben nur Erfahrungen ausgetauscht. Man kann sich sowieso auf nichts konzentrieren, ein einziger Gedanke beschäftigt einen ununterbrochen: Warum bin ich in diese Lage gekommen? Man verspürt Haß und Wut besonders dann, wenn es sich um eine Ungerechtfertigkeit handelt. Man hat wirklich vierundzwanzig Stunden am Tag damit zu tun sich zu fragen warum das alles passiert ist.

 

Das Gefühl eingesperrt zu sein und nicht hinauszukönnen muss doch furchtbar gewesen sein?

 

Das war für mich nicht so schrecklich. Dadurch, dass ich in meinem Leben immer auf mich selbst gestellt war, habe ich das Eingesperrtsein gar nicht als so furchtbar empfunden. Ich wusste, dass ich nicht getötet werde und das ich zu essen habe, das war für mich beruhigend. Eine Katastrophe war für mich die Schande die ich über meine Familie gebracht hatte, über meine Kinder, die sagen mussten: Mein Vater ist ein Verbrecher und sitzt im Gefängnis!“

 

War nicht ungeheure Wut in Ihnen?

Ich kann mir vorstellen, wenn man wirklich schuldlos ist, verspürt man ungeheuren Zorn!

 

Man hat nur zwei Möglichkeiten: zu wüten oder seine Emotionen zu bewältigen. Mir ist Gott sei Dank gelungen sie zu bewältigen. Aber das habe ich nicht in sechs Wochen geschafft, es hat zirka sechs Monate gedauert. Man hat mich eingesperrt und ich wurde immer schwächer. Mein Körper wurde schwächer, der Wille wurde schwächer, meine Einstellung zu den Dingen wurde wackeliger und dann kam der Punkt wo ich erkannte, dab ich trotzdem recht hatte, dass meine ursprüngliche Einstellung doch die richtige war.

 

Hatten Sie je Zweifel an sich selbst?

 

Der erste Gedanke war: Jetzt ist alles aus! Ich habe alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Ich habe falsch gelebt. Das waren aber nur die ersten Momente. Dann kam die Überzeugung: Nein, ich habe recht, ich lasse mich nicht unterkriegen! Dann wurde ich stark. Nach vier, fiinf Monaten hatte ich eine geistige Kraft, die ich nie zuvor verspürt hatte. Ich habe plötzlich Gänsehaut bei meinen eigenen Gedanken bekommen. Für mich war das eine geistige Dimension die ich nicht für möglich gehalten hatte. Ich konnte plötzlich nachempfinden wie Menschen in Diktaturen einfach willkürlich ins Gefängnis geworfen wurden. Ich konnte spüren wie sie gefühlt haben müssen, wie sie gedacht haben.

Dieses Gefühl wird jemand der nie in einer solchen Situation war niemals erfahren. Ich habe dann begonnen zu analysieren wie Menschen anderen so etwas antun können, aber auch, wie es möglich ist solche Dinge durchzustehen. Ich habe zum Beispiel im Gefängnis

Solschenizyns „Archipel Gulag“ gelesen. Solschenizyn war elf Jahre im Arbeitslager, und er schreibt darüber, er möchte keinen einzigen Tag dieser elf Jahre missen. Mein erster Eindruck war: Der muss krank sein! Dann habe ich das Buch genau studiert, und es  wurde für mich dann wie eine Bibel. Ich habe verstanden, dass Menschen eigentlich nicht durch andere belehrbar sind. Du musst selbst deine Erfahrungen machen. Du musst durch die Hölle gehen, um das Paradies zu erreichen. Er beschreibt einerseits die Willkür des Systems und andererseits das menschliche Gefühl, das dadurch entwickelt wird, und wieso seine Kraft entstanden ist.

 

Im fünften - sechsten Monat ist in mir dann auch eine Kraft entstanden, unbeschreiblich. Ich hätte nie gedacht, dass ein Mensch geistig so flexibel, so durchblickend werden kann, auch so weitsichtig und klarsichtig. In den ersten sechs Monaten war ich zugedeckt mit Emotionen. Die habe ich dann zur Seite geschoben, und es blieb nur der Konflikt übrig und die Fragen: Warum ist das so, warum muss das so sein, warum darf es so sein?

 

Und was war Ihre Erkenntnis?

 

Das Ergebnis war, dass sich für mich nichts verändert hat das die Vergangenheit die Gegenwart ist und die Gegenwart die Zukunft. Und das war zuerst erschreckend für mich, aber nach sechs Monaten war es mir egal, ich hatte nicht mehr das Gefühl: Ich muss da jetzt raus! Ich habe mich sauwohl gefühlt. Ich würde heute sagen: Ein 5-Sterne-Hotel hat weniger zu bieten als das Gefängnis. Du brauchst nicht einmal die Türen auf- und zuzumachen, die werden dort auf- und zugesperrt. Das Essen ist gut und ausreichend. In einem 5-Sterne-Hotel ist die Hausordnung länger als in einem Gefängnis.

Wir hatten einen Stockchef das war ein kleiner Mann, sehr korrekt, ich habe mich bei ihm immer wohl gefühlt. Die Behandlung war quasi wie bei meinem Mathematikprofessor: streng - Zuckerbrot und Peitsche - aber auf keinen Fall unmenschlich. Die Gendarmerie, die Kriminalbeamten und die Ignoranz der Richter, das ist unmenschlich.

Aber die Behandlung im Gefängnis ist menschlich.

 

Es war eine sehr tolle Stimmung. Mühsam ist es nur wenn die Leute blind aggressiv werden. Aber wenn man mit Leuten in einer Zelle sitzt die ein ruhiges normales Niveau haben, dann hat man das Gefühl man ist dort gemeinsam in einer Klausur. Es gibt keinen Zwang wer aufwäscht oder die Toilette putzt, man hat Freude daran das für die anderen zu machen. Natürlich rasten viele aus, aber wer die Situation im Kopf bewältigt der kann dadurch reifer werden. Das sind natürlich sehr wenige, das ist klar. Ich habe mich völlig von der Außenwelt distanziert. Das ging so weit, dass ich keinen Besuch mehr empfangen wollte. Wenn die Türe dreimal am Tag aufgegangen ist wurde ich schon nervös, das war mir zuviel.

Ich wollte Ruhe und habe gespürt, dass die nur über den Abstand zum Alltag kommt. Deshalb habe ich auch alles das weggeschoben. Der Untersuchungsrichter hat zum Beispiel gesagt: „Wir müssen noch das Protokoll machen.“ Ich sagte: „Tun Sie sich nichts an, machen Sie sich ein schönes Wochenende und kommen sie am Montag, kein Problem!“ Das hat niemand verstanden. Wieso liebt der plötzlich das Gefängnis? Das war auch nicht zu erklären. Die haben alle geglaubt, ich spiele ihnen was vor. Ich habe es aber wirklich genossen, überhaupt die restlichen Monate. Im siebenten Monat wusste ich rein intuitiv das ich im elften Monat frei sein würde. Ich habe meine Intuition gepflegt, und zwar so: Ich habe mich aufs Bett gelegt und konzentriert - auf meine Finger, meine Füße, meine Haut, auf jeden Zentimeter meines Körpers. Ich habe versucht wie mit einem inneren Auge durch meinen Körper zu gehen. Dafür hätte ich draußen nie Zeit gehabt. So habe ich meinen Körper kennen gelernt. Allein was zum Beispiel die Atmung im Körper bewältigt, welche Funktionen man ausschalten und welche man einschalten kann, ich hatte zuvor noch nichts darüber gelesen. Was ich damals aus eigener Kraft erfahren habe, lese ich heute oft in speziellen Büchern.

Im siebten Monat ist mir dann aufgefallen, dass ich eine ganz eigenartige geistige Kraft entwickelt hatte. Wir hatten Spielkarten, Schnapskarten, zehn rote und zehn schwarze. Wir haben gespielt, und ich habe bemerkt, dass ich plötzlich Karten erkannte ohne sie gesehen zu haben. Intuitiv, nicht weil irgendein Eck abgerissen war oder sonst etwas, ich wusste es einfach. Ich habe hingegriffen und gewusst welche Karte es ist ohne das ich sie angesehen hätte. Dann habe ich mit einem Zellengenossen, der ungefähr auf meinem Niveau war, ganz gezielt Versuche gemacht. Ich sollte Rot und Schwarz erkennen. Ich habe mich auf das Paket, das vor mir lag, konzentriert und mein bestes Ergebnis war von zwanzig Karten neunzehn richtig zu erraten. Das ist eine mathematische Wahrscheinlichkeit, die höher liegt als ein Lottosechser jedes Jahr.

 

Haben Sie diese Fähigkeit noch?

 

Ja, ich habe sie noch, aber es ist wieder zurückgedrängt geworden. Durch die äußeren Eindrücke und die Emotionen, die mich bewegen, geht eine solche Fähigkeit natürlich zurück. Aber sie ist da, ich kann sie jederzeit steigern. Mit einem der Zellengenossen habe ich sehr gut harmoniert. Wir haben mit Gedankenübertragung verschiedene Dinge übereinander sagen können, ohne dass wir je vorher darüber gesprochen haben. Im siebenten Monat meiner U-Haft habe ich mich dann gefragt: „Wie lange muss ich hier noch bleiben? Und plötzlich habe ich gewusst: Es hat etwas mit elf zu tun - elf Tage oder elf Jahre oder elf Monate. Auf die Frage wann ich gehe kam immer die Zahl elf. Und es hat gestimmt: Nach elf  Monaten und elf Tagen Untersuchungshaft wurde ich entlassen.

 

 

So weit sind wir aber noch nicht.

Wie ist es nach der ersten Begegnung mit dem U-Richter weitergegangen?

 

Nach vierzehn Tagen hat die Polizei die Vollanzeige fertiggestellt, dann ist der U-Richter wiedergekommen und hat mich erneut gefragt: „Haben Sie etwas zu sagen, zu ergänzen?“ „Nein nichts.“ „Dann bleibt alles so, ist alles in Ordnung.“ Und dann hat er etwas gesagt worüber es natürlich kein schriftliches Protokoll gibt: „Ich sage ihnen, das ist alles ein Blödsinn. Ich bin dafür, dass Sie gehen und wir vergessen alles.Doch ich antwortete ihm: „Vergessen kann ich nicht!“ „Ja, dann wird es aber lang dauern“, meinte er. „Ja das kann sein ich bin in ihrer Hand.“ Es war der Moment wo er gesagt hat: „Da unterschreib, bist eh drei Wochen gesessen für nix und wieder nix und fertig!“

Wenn ich also einverstanden gewesen wäre, dass man nicht weiter vorgeht und weiter bohrt, dann hätte man vermutlich den ganzen Fall verschwinden lassen, als wäre nichts gewesen. Wo kein Kläger, da kein Richter. „Nein!, habe ich gesagt, „ich will da durch!“ Ich war mir absolut sicher das ich im Recht bin, ich hatte nichts angestellt. Warum sollte ich jetzt kuschen? Dann hätte jeder gesagt: „Irgendetwas wird schon dran gewesen sein, man kann halt nix beweisen.“ Ich war aber sicher ich würde beweisen können, dass es so nicht war und deshalb wollte ich die Sache auch zu Ende bringen, ob drei Wochen oder drei Monate im Gefängnis, das war schon egal. Meine Einstellung war gewesen: Ich komme nie ins Gefängnis. Jetzt war ich schon im Gefängnis. Selbst wenn ich nach drei Wochen entlassen worden wäre, hätte es gleichen Eindruck hinterlassen, als wäre ich nach  drei Jahren entlassen worden. Und nach drei Wochen hätte ich mich selbst fragen müssen: Wieso bist du entlassen? Nein, ich wollte weiterbleiben und die Sache durchstehen. Doch der Untersuchungsrichter wollte die Sache nur noch loswerden. Er sagte, er delegiere die Causa nach Salzburg, er sei nicht zuständig. Das Auto sei in Salzburg gestohlen worden, also sei Salzburg zuständig. So wurde ich dreimal zwischen Salzburg und Wr. Neustadt hin und her geschickt. Eine Fahrt dauerte immer eine Woche, so habe ich natürlich eine Menge anderer Häftlinge kennen gelernt.

 

Hatten Sie nie Angst vor anderen Häftlingen oder ein ungutes Gefühl?

 

Es gab keinen Grund zur Angst. Es gibt nur Krach wenn jemand provoziert wird. Aber das ist ein Krach wie unter Geschwistern die raufen bis die Fetzen fliegen, wenn einer versucht irgendwelche Privilegien, die der andere schon jahrelang hat, zu durchkreuzen oder anzurühren.

 

 

Wie war Ihr Verhältnis zu den Justizbeamten?

 

Das sind die Ärmsten! Im vierten Monat hatte ich wirklich Mitleid mit diesen Menschen. Die müssen uns bedienen, die Türen auf- und zusperren. Ich hatte wirklich das Bedürfnis, ihnen Freundlichkeit und Herzlichkeit zuteil werden zu lassen, so dass sie manchmal geglaubt haben ich mache mich über sie lustig. Aber es war mir wirklich ein innerliches Bedürfnis, es hat mir Freude gemacht. Mir ist ja auch sehr geholfen worden von diesen Leuten.  Ich erinnere mich an eine Begebenheit die mich wirklich berührt hat: Ich sollte von der Polizei zu einer neuerlichen Einvernahme abgeholt werden, und da habe ich bemerkt, dass uns die Justizwachebeamten wirklich behüten wie ihren Augapfel. Die Polizei und die Kripo müssen ihre Waffen abgeben, es darf zu keinen Übergriffen kommen. Wenn die Beamten nur ein lautes Wort hören sind sie sofort da und fragen. „was los ist.“ Etwas Schöneres gibt es nicht, in einem 5 Sterne-Hotel sind der Schutz und das Service nicht so gut. Ich hatte da einen Stockchef mit dem habe ich nie gesprochen, ich habe im Kopf gefühlt wie er denkt. Er war ein kleiner unbedeutender Mann, aber er hat den Konflikt in mir gespürt, den Konflikt aufgrund meiner Unschuld. Er saß in dem langen Gang vorne in der Mitte, und dort musste ich vorbeigehen um zu den Kriminalbeamten zu gehen. Also ging ich an der Türe vorbei, und auf einmal schrie er: „Rydl, weißt du, wenn du nicht ausgeführt werden willst, kannst du die Ausführung verweigern!“ Das hat genügt, ich habe mich umgedreht und bin zurück in die Zelle. Ich habe auch mit ihm nicht darüber gesprochen oder diskutiert, das war einfach eine Verständigung zwischen zwei Menschen  auf rein geistiger Ebene. Er wusste instinktiv das ich diese Information nicht hatte, denn sonst wäre ich in der Zelle geblieben. Er hat auch nachher nie mit mir gesprochen, aber ich habe durch diese Begebenheit gespürt, dass es Menschen gibt die sehr wohl in diesem System nicht abgestumpft und unsensibel geworden sind. Dabei war er selbst sicher nicht gegen die Kriminalbeamten und deren Arbeit, sondern er spürte nur die Verpflichtung mir im richtigen Moment eine Information zu geben, die Entscheidung lag ja sowieso bei mir. Das verstehe ich unter „das Leben bereichern.“ Dieser Mann hat mir natürlich irrsinnig Mut gemacht. Nun konnten sie mich praktisch nicht mehr aus der Justizanstalt abführen und mir ein neues Geständnis abringen. Ich stand  unter  dem Schutz des  Stockchefs. Dann hat aber

Der Untersuchungsrichter versucht den Fall nach Salzburg abzugeben. Dort wurde ich einem anderen Untersuchungsrichter vorgeführt, und da wurde mir das Ost- Westgefälle wirklich ganz deutlich bewusst, allein durch den Ton, in dem man mit mir verhandelt hat. Der Richter meinte: Ich begrüße Sie, Herr Rydl, ich habe ihren Akt gelesen, ich weiß aber nicht was sie bei uns machen sollen, Salzburg hat sie nicht verhaftet, wir werden das nicht ausbaden.“ „Gut“ meinte ich, „lassen sie mich frei!“ Darauf: „Das kann ich nicht! Wr. Neustadt hat Sie verhaftet, ich kann Sie nicht freilassen, Sie müssen zurück!“ Also bin ich in der nächsten Woche wieder zurück. Der Untersuchungsrichter in Wr. Neustadt war ratlos: „Ich weiß nicht, warum Sie da sind. Wir machen das jetzt über das Ober-  landesgericht.“ Das Oberlandesgericht bestimmte: Salzburg muss verhandeln! Das hat vier Wochen gedauert. Vier Wochen bin ich in Salzburg gesessen und dann hat Salzburg wieder abgelehnt. Wieder zurück nach Wr. Neustadt, schließlich entschied der Oberste Gerichtshof in Wien, dass die Zuständigkeit bei Wr. Neustadt läge. Es kam erneut zu einer Verhandlung wegen der U-Haft. Ich wollte den Richter in Wr. Neustadt ablehnen und habe ihm gehässige Briefe geschrieben und ihn schriftlich beschimpft, damit er mich wegen Voreingenommenheit ablehnt, aber er hatte keine persönlichen Bedenken, und es wurde verhandelt. Ich muss zugeben, der Richter hatte meinen Akt, der ja mittlerweile über tausend Seiten hatte, gut durchgearbeitet. Ich habe zuerst versucht mein Geständnis zu widerrufen um aus der Untersuchungshaft zu kommen. Das hat er aber abgelehnt: „Das Geständnis pabt, Sie kommen nicht heraus, Sie bleiben!“ Ich wusste aber, dass ich für so ein Delikt nie in U-Haft hätte sitzen müssen: Es gab keine Verletzten,  keine Geschädigten, nach der Anklageschrift war es ja nur versuchter Betrug und die Versicherung hat bis heute keinen Groschen gezahlt, aber ich musste weiter sitzen.  Dann habe ich versucht mit einem Geständnis vor dem Richter, dass ich das Auto vergraben hätte aus der U-Haft zu kommen, um dann bei der Hauptverhandlung beweisen zu können, dass das gar nicht möglich gewesen wäre. Das war für mich eine Notlösung. Ich habe es probiert, aber ich wurde wieder abgelehnt. Ich hatte unzählige Gesetzbücher studiert, habe die Strafgesetzordnung und das Strafgesetzbuch fast auswendig gekannt, alles umsonst. Ich kam nicht aus der U-Haft, so beschlagen ich auch war und obwohl ich wirklich vieles versucht habe.

 


Kapitel 06

 

Der Prozeß und die Folgen

 

 

Nachdem nach sieben Monaten Untersuchungshaft geklärt war, dass Wr. Neustadt die Anklage gegen mich erheben musste, wurde im Juni 1986 eine Verhandlung angesetzt und sofort vertagt. Der „Kurier“ berichtete wie folgt darüber:

 

Ein Auto zerstückelt und vergraben - Prozess Wr. Neustadt: Besitzer widerrief Geständnis.

 

Wegen Brandstiftung und schweren Betruges musste sich Mittwoch der Chemotechniker Werner Rydl, 28, aus Pottendorf, vor dem Wr. Neustädter Kreisgericht verantworten. Rydl hatte mehrmals gestanden, sein wertvolles Auto zerstückelt und vergraben zu haben. Überdies habe er einen Bekannten beauftragt, seine Lagerhalle in Weigelsdorf Bezirk Baden anzuzünden. RydI, seit neun Monaten in U-Haft widerrief das Geständnis vor Gericht. Für Richter Dr. Gerhard A. kein leichter Prozess: Der anfänglich geständige Angeklagte erzählte eine abenteuerliche Geschichte. Rydl: „Es hat sich jemand gegen mich verschworen.“ Er äußerte den Verdacht, dass ein Bekannter seiner Familie hier die Finger im Spiel habe. Die Fakten, ein verschwundenes Auto im Wert von 170 000 Schilling und ein Zeuge der behauptet, Rydl habe ihm 30 000 Schilling für die Brandstiftung geboten, konnte der Angeklagte zunächst nicht entkräften. Weil der Hauptzeuge jedoch unauffindbar war und Sachverständige hinzugezogen werden müssen, war der Richter gezwungen, die Verhandlung bis August zu vertagen. Kurier 19.6.1986

 

Bei der nächsten Verhandlung im August haben sich dann ganz kuriose Sachen herausgestellt, zum Beispiel, dass das Auto zwei Meter unter dem Fundament eines von mir gebauten Hauses vergraben sein soll. Darauf habe ich zum Richter gesagt: „Da können wir ja sofort nachsehen., fragen wir den Besitzer ob in seinem Keller ein Auto steht.“ Die Kriminalbeamten, die mein Geständnis erpresst haben, sind auch im Gericht gesessen und haben das gehört. Der Richter hat zu den Kriminalbeamten geschaut, denn keiner wusste etwas von dem Keller. Ich habe gesagt:

„Ich weiß, dort steht ein Fertigteilhaus auf einem Keller. Es gibt einen Keller! Der war allerdings nicht genehmigt.“

Die Beamten haben also einfach nur die Pläne geholt, in denen der Keller natürlich nicht eingezeichnet war, und haben behauptet das Haus stünde auf dem Auto, und zwar genau zweieinhalb Meter unter dem Wohnzimmer. Sie haben einfach diese Behauptung in den Raum gestellt weil sie genau wussten, dass der Richter nie zustimmen würde das Haus abzureißen. Schließlich hat man den Besitzer des Hauses gefragt, und der versicherte: „In meinen Keller ist kein Auto!“ Das hat der Richter einfach zur Kenntnis genommen und hat überhaupt nicht darauf reagiert. Die Aussage war für ihn ohne Bedeutung. Dann schließlich sollte in dieser Verhandlung auch der Zeuge, K. H., aussagen der behauptet hatte, er hätte in meinem Auftrag das Auto zerlegt und im Zuge der Bauarbeiten unter diesem Haus vergraben. Als ich den Namen Karl H. hörte, war mir blitzartig alles sofort klar:

H. ist ein enger Schulfreund Herrn S., meines ehemaligen Versicherungsmannes, und außerdem ein Krimineller. Ich habe den Richter sofort gefragt: „K.H. ist doch auf Bewährung frei. Er hatte in der Diskothek in Pottendorf  eine Schlägerei mit Verletzten (übrigens zwei Monate bevor mein Auto gestohlen wurde) und hätte ja nach dieser Schlägerei sofort wegen seiner offenen bedingten Strafe eingesperrt werden und drei Jahre sitzen müssen. Wieso sitzt er nicht? Wieso ist er freit?“

Der Richter wusste davon nichts und konnte auch keine Anzeige finden. Aber es gab überhaupt keine Anzeige am Gendarmerieposten Pottendorf von dieser Schlägerei in der Diskothek. Dabei hat er dort ein Glas zerschlagen und Jemanden das Gesicht damit total zerschnitten. Alles wurde totgeschwiegen. Das war also offensichtlich der Deal der Polizei: Keine Anzeige, die verschwindet, dafür bringen Sie uns den Rydl! Und der S. hat das alles eingefädelt. Er hat auf seinen Schulfreund Karl H. Druck ausgeübt, hat ihm Geld gegeben. K.H. war ein Trinker, und man konnte ihn schon mit wenigen Hundertern bestechen. Aber der Richter hat Karl H. die Geschichte abgenommen, und sie war die Grundlage für meine Verurteilung. Übrigens wurde das Auto nie gefunden, selbstverständlich wurde auch unter dem Haus nicht gegraben.

Ich habe damals nach meiner Freilassung kurz überlegt, ob ich dieses Haus vielleicht kaufen und selbst nach dem Auto graben und beweisen soll, dass es nicht darunter ist aber das hätte auch alles nichts mehr gebracht, ich war ja bereits zu zwölf Monaten bedingt verurteilt. Ich habe das beeinsprucht und Berufung eingelegt, und das Oberlandesgericht hat dann die Strafe auf zehn Monate bedingt verringert. So hatte ich also eigentlich noch einen Monat gut. Also bin ich zum Richter gegangen und habe ihn gefragt: „Was ist jetzt mit diesem einen Monat, geht sich da noch irgendeine Kleinigkeit aus? Eine Watschen für den Polizisten vielleicht. So wäre mein Konto dann ausgeglichen!“ „Werden Sie nicht frech!“ meinte er nur dazu.

Nun ergab sich das Problem, dass ich während meiner Haft keine Alimente hatte zahlen können und so stand vier Wochen nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis schon wieder die Polizei vor meiner Tür weil ich meine Alimentationszahlungen nicht geleistet hatte. Ich wurde zu zwei Monaten bedingt verurteilt. Aber wie hätte ich wahrend meiner Haft Alimente zahlen sollen? Das sind die beiden Delikte, die mir bis heute nachhängen.

 


Kapitel 07

 

Das Leben nach der Haft

 

 

Ich hatte von dieser Kredit - Causa - Herrn. S. Schulden und die musste ich zurückzahlen. Ich habe versucht, Herr S. zivilrechtlich zu belangen. Es kam zu einer Gerichtsverhandlung. Mit Zinsen und Zinseszinsen und Schadenersatz  wären mir 1,4 Millionen zugestanden, aber Herr S. hat den Wechsel bestritten, weil die Leistungen angeblich ungenügend und schlecht gewesen wären. Ich hätte ein Sachverständigengutachten benötigt und zahlen müssen um zu beweisen, dass das alles nicht stimmte, nur hätte mich das eine halbe Million Schilling gekostet, und die hatte Ich nicht. Also ist es nach der dritten oder vierten Verhandlung schließlich zum Vergleich gekommen: Herr S. musste unseren Rechtsanwalt zahlen, und ich habe auf meine restlichen Ansprüche verzichtet, weil ich mir in meiner damaligen Situation einen länger dauernden Prozess nicht hätte leisten können.

 

Wie stehen Sie heute zu diesem Mann, der ja sehr wesentlich an Ihrem Unglück beteiligt war?

 

Als ich im Gefängnis erfuhr, dass maßgeblich er dahintersteckt habe ich ihn gehasst wie die Pest. Haß bewirkt aber nichts, er blockiert. Ich habe in meiner Haftzeit erkannt, dass im Leben alles zurückkommt, auch die verborgensten und die geheimsten Sachen, auch die sogenannten perfekten Sachen. Was man negativ macht kommt zurück, das kann man nicht verhindern, das ist meine Überzeugung und deshalb habe ich mich von all diesen Dingen gelöst. Ich habe ihm verziehen, aber ich weiß, dass es ihm jetzt sehr schlecht geht. Auch die Beamten die bei dieser Sache mitgemischt hatten habe ich natürlich wiedergetroffen, die hatten einen satten Gesichtsausdruck so quasi: „Wir haben ihm gezeigt, wer hier die Macht hat!“  Aber bei den anderen Menschen die ich gekannt habe hat sich nichts verändert, ob das jetzt Bankdirektoren waren oder ganz normale Menschen. Sie haben alle zu mir gehalten, weil jeder gefühlt hat, dab da etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen ist.

 

Wie haben Sie sich nach der Haftentlassung gefühlt?

 

Ich habe sehr viel an Sensibilität  gewonnen. Es kann sein, dass man an der Haft verzweifelt  und sie geistig nichtbewältigt, dann schreit man immer nur den Terror hinaus. Diesen Menschen ist nicht zu helfen. Die machen das ihr ganzes Leben lang und kommen natürlich auch immer wieder ins Gefängnis. Ich habe es bewältigt, und meine Sinne sind dadurch wesentlich geschärft worden. Das hat für mich auch ganz deutliche Auswirkungen gehabt: Wenn ich vor der Haft in eine Diskothek gegangen bin hat mir das Spaß gemacht, und ich habe getanzt, aber nach der Haft war das für mich ein körperliches Martyrium, eine Katastrophe. Ich war aus der Haft die Ruhe gewöhnt und diese lauten schrillen Geräusche haben mich an den Rand des Wahnsinns gebracht. Auch die ganz normale tägliche Hektik war für mich ein Schock, denn bei mir hat sich im Laufe der Haftzeit alles verlangsamt. Ich habe auch viel langsamer gesprochen, das ist meiner Umwelt aufgefallen, ich habe jedes Wort genau bedacht und exakt ausgewählt.

 

 Wie ist es beruflich weitergegangen?

 

Jetzt brauchte ich dringend einen Job. Ich hatte zwei Millionen Schilling Schulden. Ich wubte ich mubte klein anfangen und das auf jeden Fall in legalem Rahmen, also keine   Pfuscherei. Deshalb  habe ich eine Deichgräberei gegründet. Das ist ein reines Anmeldungsgewerbe und freies Unternehmen. Ich bekam eine Steuernummer und eine Gewerbeberechtigung und hatte natürlich auch die nötigen Geräte vom früheren Hausbau, wie z. B. den Bagger, mit dem ich ja schon vorher Differenzen mit der Polizei hatte. Ich habe wirklich wie ein Tier gearbeitet. Meine Mutter mubte das Haus verkaufen, quasi verschenken, weil wir ja den Kredit für diesen Herrn S. Darauf laufen hatten. Vom Erlös hat sie sich dann einen kleinen Bauernhof in Tattendorf bei Baden gekauft, wo sie noch heute wohnt. Und ein Mädchen das ich schon vor der Haft kennengelernt hatte, Linda, habe ich auch nachher wieder öfters getroffen, und es hat sich eine Beziehung entwickelt.

 

Haben Sie in der Firma allein gearbeitet, oder hatten Sie Angestellte?

 

In den ersten beiden Jahren, `87 - `89, war ich ganz allein, ich hatte nur hie und da eine Aushilfskraft. Doch die Sache entwickelte sich so gut, dab man mich immer öfter fragte ob ich nicht Häuser schlüsselfertig bauen wolle, was bedeutet, dass die Auftraggeber sich um nichts kümmern müssen, das Haus wird ihnen komplett übergeben. Dazu hatte ich natürlich keine Konzession, deshalb habe ich 1989 die Fink Ges.m.b.H gegründet. Dort hatte ich einen Baumeister als Konzessionär, aber da hat es dann schon wieder Probleme mit den Behörden gegeben.

 

In welcher Form?

 

Ich hatte schon im ersten Jahr Bauaufträge für einen Umsatz von fünfzig Millionen Schilling. Dazu brauchte ich aber ungefähr vierzig bis fünfzig Mitarbeiter. Für mich war ganz klar, das kann doch kein Problem sein. Es gibt Tausende Arbeitslose in der Baubranche, speziell im Winter, und wenn man sie legal anmeldet, dann müsste die Sache klappen. Ich habe also schon im Jänner die Arbeitsämter von Neunkirchen bis Wien angeschrieben. Die Firma Fink Ges.m.b.H benötigt so und so viele Hilfskräfte, so viele Maurer, so viele Poliere usw.! Die Voraussetzungen: keine Trinker, nach Möglichkeit auch keine Raucher. Das waren meine Vorgaben. Das Ergebnis: Die Arbeiten hätten am fünfzehnten April beginnen sollen, doch am dreizehnten April hatte ich noch keinen einzigen Mitarbeiter.   

 

Hat man Ihnen keine geschickt, oder waren  keine geeignete darunter?

 

Man hat mir ein paar geschickt. Die sind bei der Tür  hereingekommen und haben gesagt: „Ich muss mich nur vorstellen kommen. Geben sie mir nur einen Stempel, dann bin ich schon wieder dahin.“ Die wollten also nur den Nachweis, dass sie sich vorgestellt haben, und dann hätten sie wieder drei Wochen vom Arbeitsamt Ruhe gehabt. Das hat mich erschüttert. Ich musste also erkennen, dass diese vier oder fünf Prozent Arbeitslosenrate, die wir haben, nicht durch tatsächliche Arbeitslose, sondern durch Arbeitsunwillige zustande kommt. Ich habe danach viel gelesen und mich informiert und entdeckt, dass dieses Phänomen zum Beispiel in Deutschland schon längere Zeit beobachtet wird. Zwischen drei bis fünf Prozent der Bevölkerung sind arbeitsunwillig und die stecken in diesen Pool von Arbeitslosen. Ich habe mich ans Arbeitsamt gewandt und habe gesagt: „Was schicken sie mir da für Leute? Die entsprechen nicht meinem Anforderungsprofil, die wollen ja gar nicht arbeiten!“ Darauf antwortete man mir: „Das ist Kollektivhaftung. Wenn einer dabei ist der nicht arbeiten will, kann man nicht sagen, dab alle so sind.“ Ich war sehr wütend, denn diese Leute bekommen fürs Nichtstun bezahlt und spekulieren vorsätzlich damit. Ich zum Beispiel hätte, als ich noch in der Zuckerfabrik arbeitete, jedes Jahr sieben Monate problemlos Stempeln gehen können. Aber auf die Idee wäre ich nie gekommen. Ich hätte das moralisch nie vertreten können, vorsätzlich sieben Monate fürs Nichtstun Arbeitslose zu kassieren. Und jetzt musste ich erkennen, dab das eine durchaus übliche Praxis ist. Man zahlt also Steuern für ein schädliches System, in dem Nichtstun zum Vorsatz wird, und an Leute die kein Interesse an irgendeinen Fortschritt oder Weiterkommen haben. Das hat mich sehr in Wut gebracht. Hatte ich dann schließlich wenigstens ein paar österreichische  Mitarbeiter gefunden, war Montag sieben Uhr früh ein Horror für mich. Am Sonntag Abend habe ich mir schon Sorgen gemacht: Wer wird morgen nicht da sein? Da hatte ich Spitzenzeiten mit fünfzig Arbeitern, und es gab keinen Montag, an dem alle anwesend gewesen wären. Die meisten kamen wegen Trunkenheit nicht, Alkoholprobleme waren das größte Manko. Die haben am Sonntag gesoffen und konnten am Montag nicht zur Arbeit gehen. Am Dienstag Mittag konnte man dann mit ihnen rechnen. So kann man aber eine Firma nicht aufrechterhalten, also gilt bei mir am Bau striktes Alkoholverbot, eine Bierflasche, und die ganze Baugruppe war sofort weg. Ich habe immer deutlich gesagt, was ich erwarte. Rauchen war gerade noch geduldet. Auch Raucher verbrauchen nämlich Arbeitszeit für das Rauchen, und das kann man nie mehr wieder einholen. Ich war also sehr leistungsorientiert. In einem gewissen Zeitraum war ein vorgegebenes Plansoll zu erfüllen, und damit hätte es wunderbar funktioniert. Ich habe also gesehen, dab ich so nicht weiterkomme und hatte die Idee, in Ungarn eine Firma zu gründen, und zwar eine Arbeitskraftvermittlung. Ich selbst war Geschäftsführer, habe dort Zeitungsinserate aufgegeben mit dem Inhalt: Suche zur über ein ungarisches Unternehmen. Die ungarische Firma hat alle Arbeiter in Ungarn gemeldet und sie waren dort versichert und von Montag bis Freitag wurden sie an die österreichische Firma mit Werkverträgen vermietet.

 

War diese Firma für Sie eine Notlösung, um überhaupt weiterzukommen?

 

Für mich war das eine Existenzfrage. Ich war ein Arbeitgeber, wollte Arbeit geben, aber kein Österreicher wollte die. Mit den Ungarn dagegen hatte ich überhaupt kein Problem: Sie waren pünktlich, und ich konnte in den Jahren 1989 bis 1991 mit diesen Leuten reibungslos zahlreiche Reihenhäuser bauen. Mit einem Umsatz von dreibig bis fünfzig Millionen Schilling im Jahr. Aber ich habe auch meine Erfahrungen dabei gemacht. Ich habe gelernt, dab mehr als fünfzig Leute zu betreuen das Chaos bringt. Man kann als einzelner mehr Leute nicht mehr richtig organisieren, und für mich war es auch nicht möglich, mit mehr als fünfzig Leuten effektiv zu arbeiten. Der Tag hat nur vierundzwanzig Stunden. Ich habe jeden Tag sechszehn Stunden gearbeitet, und war mir bei zu vielen Leuten nicht mehr möglich, die Kontrollen effizient durchzuführen. So habe ich nie mehr als fünfzig Mitarbeiter beschäftigt.

 

 

Kapitel 08

 

Das Embargo

 

 

In den Anfangsjahren hatte ich natürlich kaum Gewinne, das ist klar. Ich habe immer alles investiert, in neue Maschinen und Bagger und so weiter. Ich hatte auch einen guten Kundenstock, war sehr beliebt, denn ich war

immer pünktlich und kostengünstig. Ich wollte ja die perfekte Dienstleistung erbringen, denn nur Dienstleistung zählt. Wenn man kostengünstig - also billig und verläßlich ist, ist man immer vorne.

Dann kamen aber wieder die Probleme mit den Behörden. 1989 wurde mir dies das erste mal wirklich bewußt. Es gab Reibereien mit Monopolbetrieben wie der Verbundgesellschaft, dem E-, dem Gas- und Wasserwerk und mit dem Rauchfangkehrer. Der Rauchfangkehrer muß ja den Rauchfang überprüfen, und dieses Monopol nützen die Rauchfangkehrer schamlos aus. Wir hatten manchmal winzige Mängel die leicht zu beheben gewesen wären, aber man hat verlangt, daß der Rauchfang abgerissen wird. Meine Mitarbeiter haben immer wieder gesagt:

„Chef, der will nur Geld, geben sie ihm etwas, und wir sind die Sache los!“ Aber da habe ich die Haare aufgestellt und nicht gezahlt. Ich wollte mich auf diese Schmiergeldzahlungen nicht einlassen. Sicher hätte ich einen Prozeß aufgrund eines Sachverständigengutachtens gewonnen, nur dauern diese Verfahren meistens ein bis zwei Jahre. Das Bauprojekt hätte nicht übergeben werden können. Darauf konnte ich mich nicht einlassen, denn die Bauherrn haben ja gewartet.

Also habe ich den Rauchfang rausgerissen. Das hat mich zwar zehnmal soviel gekostet wie der Betrag, den ich dem Rauchfangkehrer hätte zustecken müssen, und dann war die Sache erledigt. Das hat mich aber trotzdem sehr geärgert, weil hier ja das Gesetz für eine persönliche Bereicherung mißbraucht wird, denn meistens stehen ja die Bauunternehmer unter Zeitdruck und müssen Verträge erfüllen und können sich auf keine Verzögerung ein- lassen, deshalb zahlen sie stillschweigend. Das ist auch bei den anderen Behörden so, ob das jetzt ein Magistrat in Wien ist oder das Gaswerk, es herrscht ein stillschweigend geduldeter zahlungsflub. Das ist zwar vom Gesetz her eindeutig kriminell, wird aber als Kavaliersdelikt  gehandelt und hat sich derart eingebürgert, hab diese Leute ganz empört sind, wenn es nicht funktioniert.

Ich wollte da nicht mitmachen, auf Keinen Fall. Jetzt war mir klar, daß alle dahinterstecken,  nicht nur - wie ich anfangs dachte  - Gendarmerie, Polizei und Richter, son-dern natürlich auch  alle anderen Behörden. Es war ein riesiger Bestechungsfilz Die einen nehmen Geld für etwas, wofür sie ohnehtin schon bezahlt werden, und die anderen quälen und terrorisieren Staatsbürger - so wie in meinem Fall. Und ich habe ja im Gefängnis  erfahren, deb ich nicht der einzige war, der mibhandelt  wurde. Viele Mitgefangene haben mir von ganz ähnlichen Vorfällen berichtet.

 

 

Wieso ist ihnen dieser Konflikt erst als Bauunternehmer bewubt geworden?

 

Bei der Deichgräberei  hatte ich in den ersten Jahren keine Steuern zu zahlen, ich habe immer in der Verlustzone gearbeitet. Erst als ich die Baufirma hatte, sind die ersten Erlagscheine  vom Finanzamt  gekommen.  Es waren Steuern im großen Ausmaß fällig, und da habe ich überlegt, 

 was ich damit eigentlich bezahle? Ich unterstütze damit dieses korrupte, menschenfeindliche     System. Ich hätte natürlich aus Österreich weggehen können, das war aber nicht möglich, denn ich hatte noch Schulden zu bezahlen. Ich mubte wirtschaften, um zu überleben. Mit einem unproblematischen Wirtschaften sind aber Steuerzahlungen verbunden. Das hätte für mich bedeutet: Ich werfe alle meine Prinzipien über den Haufen und beuge mich diesem Wahnsinn, zahle Steuern und würde dann ewig zahlen und Mitschuld an diesem System haben.

Das konnte ich nicht. Darum habe ich überlegt, was es noch für Möglichkeiten geben könnte, und dann kam mir die Idee, ein „Abgabenembargo“zu verhängen, damit ich nicht auch noch die Mibstände mitfinanziere, ähnlich dem Embargo, das man über den kriegführenden Irak verhängt hat, nur um das Allerschlimmste zu verhindern.

 

War war in ihrem Fall dar Sochlimmste?

 

Mein innerer Konflikt. Ich Kritisiere das System, würde aber dafür zahlen, dab es aufrecht erhalten wird. Das war mir nicht möglich. Natürlich war mir bewubt, dab das hundertprozentig wieder zu einem Konflikt mit der Behörde führen wird und dab die Möglichkeit einer neuerlichen Verhaftung besteht.

Dann habe ich mich aber über das Strafrecht informiert und bin zu einem ganz Überrraschenden Ergebnis gekommen: Die Strafandrohung für Steuerhinterziehung beträgt maximal ein Jahr und einen Monat U-Haft. Das war für mich natürlich ein deutlicher Hinweis darauf, dab in Österreich steuerliche Unkorrektheiten eigentlich als Kavaliersdelikt gesehen werden. So habe ich 1989 ein Abgabenembargo an die Finanzprokuratur in der Singerstrabe geschickt. Darin habe ich auf fünf Seiten meine beweggründe genau erklärt.

 

Waren Sie sicher dab man in der Finanzprokuratur weib was ein Embargo ist?

 

Nein, die haben sicher darüber gelacht. So etwas hat ja noch nie jemand gemacht, ein Embargo hat ja keinen rechtlichen Hintergrund. Es gibt kein Gesetz, ob so etwas zulässig ist oder verboten. Die von der Finanzprokuratur haben das vielleicht gelesen und es dann in den Papierkorb geworfen.

 

Wubten Sie, was für Konsequenzen es haben kann, wenn Sie keine Steuern bezahlen?

 

Ja selbstverständlich, aber ich habe keine Antwort bekommen. Das war 1989 und bis 1991 habe ich gearbeitet, und es hat sich niemand gemeldet. Ich hatte zwar Steuerprüfungen in den ersten zwei Jahren, in denen ich noch keine Gewinne hatte, nur wubte ich sehr wohl, dab einmal der Tag kommen würde an dem Gewinne zu versteuern sein würden. Dazu mub man wissen, dab ich auber meiner Baufirma viele andere Firmen habe und hatte.    


Kapitel 09

 

Das Firmennetzwerk

 

 

Hatten diese Firmen mit der Baubranche zu tun?

 

Es waren sogenannte Hilfsfirmen. Sie waren dazu da, daß in der Hauptfirma nicht von Anfang au Steuern zu zahlen waren. Ich habe damit eine gewisse Zeit hohe Gewinne verschleiern können. Das heißt, ich habe aus steuerlichen Gründen Gewinne buchhalterisch verschoben, um gute Geschäfte mit hohen Gewinnen nicht als solche aufscheinen zu lassen. Ein Betrieb sollte immer so laufen, daß gerade die Spesen gedeckt werden. Aber das kann man nicht immer vorausbestimmen. Damit also eine Baustelle nicht zu hohe Gewinne bringt, was ja steuerlich ungünstig gewesen ware, habe ich folgendes gemacht: Ich leitete Baustoffe über andere Firmen, damit sie teuer in meine Firma zurückkommen. Damit verteilte ich den Gewinn über mehrere Firmen. Dabei ist er so klein geblieben, daß keine Steuern zu zahlen waren.

 

 

Das würde bedeuten, daß es problematisch ist, wenn man nur eine einzelne Firma hat?

 

Wenn ein Unternehmer hohe Gewinne macht, ist es sinnvoller, um flexibel zu bleiben. über andere Firmen mitzuarbeiten. Man kann das Volumen dadurch vergrößern und flexibler bleiben. Bleiben in einer Firma zum Beispiel zwei Millionen Gewinn, so ist das viel und wird dementsprechend besteuert. Bleiben hingegen nur vierhunderttausend Schilling, wird das ohne Probleme als Rücklage anerkannt. Mache ich zu hohe Rücklagen, weil ich große Gewinne habe und die nicht versteuern will, dann anerkennt das Finanzamt sie natürlich nicht. Man muß nur wissen, was das Finanzamt anerkennt und wo die Grenzen sind, und man mub innerhalb dieser Grenzen bleiben. Ausschlaggebend dafür ist, wie viele Firmen man hat. Sobald man die finanziellen Grenzen sprengt, ist es sinnvoller, eine neue Firma zu gründen, den Gewinn aufzuteilen und so wieder innerhalb der Grenzen zu bleiben.

 

 

 

War es schwierig, andere Finnen zu gründen?

 

Überhaupt nicht! Um eine Firma zu gründen, genügt ein Papier mit Unterschrift. Die Finanz benötigt nicht einmal eine Vorsprache der Geschäftsleitung oder Originaldokumente von den handelnden Personen, oder beglaubigte Kopien. Die Finanz ist froh, wenn sie eine Steuernummer vergeben kann, und hinterfragt  da gar nicht viel. Was zählt, ist nicht seriöses Handeln, sondern daß jede Steuernummer dem Staat Geld bringt.

 

 

 

Sind Sie in diesen anderen Firmen aufgeschienen oder nicht?

 

Zum Teil ja und zum Teil nein. Das Ist so: Heute kann jemand eine Firma besitzen, sie wird ihm aber finanzrechtlich nicht zugeschrieben, der Ausdruck dafür ist „mabgeblich beteiligt sein.“

 

Müssen sie nicht beweisen, wie mabgeblich Sie beteiligt sind?

 

Das sind Firmen, die sozusagen über Strohmänner laufen. Das heibt, die Firma kann Huber oder Meier heiben, aber die Finanz weib trotzdem, dab die Person, die dahinterteht, Werner Rydl heibt. Wichtig ist für die Finanz alsodie Person, die aus der Firma einen Nutzen zieht.

 

Und weib sie bei allen Ihren Firmen, dab Sie dahinterstecken?

 

Nicht von allen, sie weib nur einen Bruchteil.

 

Je gröber ihre Palette an Firmen ist, desto unproblematicher ist es, die Steuern niedrig zu halten?

 

Ja, je mehr Firmen man hat, umso besser ist es zu verschleiern und umso leichter sind Geldflüsse umzulenken. Dieses System kann jahrelang funktionieren, solange man nicht erkennt, ob Werner Rydl z. B. an der Firma Huber mabgeblich beteiligt ist oder nicht. Und so schnell kommt man da nicht dahinter, wenn ich es nicht zu auffällig anstelle.

 

Wie kann die Steuer dahinterkommen, ob Sie mabgeblich beteiligt sind?  

 

Wenn gewisse Beträge von meiner stammfirma an diese Firmen flieben und dort nicht eindeutig als eigener Geschäftsfall verbucht werden. Das heibt, es gehen Geldbeträge von meiner Stammfirma in eine andere Firma und kommen dann wieder zurück in die stammfirma.

 

Und das kann man nachvollziehen?

 

Ja, weil die Finanz eine transparente Buchhaltung verlangt, das heibt, es mub jede Bewegung belegbar sein. Man mub sich die Arbeit machen und mit der Wahrscheinlichkeit einer Betriebsprüfung rechnen. In Wien lag sie im Jahr 1989 bis 1990 bei fünfzehn Jahren. So lange hat man statistisch gesehen Ruhe.

 

Was ist, wenn man sich „verrechnet„?

 

 Man riskiert dab eine Firma in Konkurs getrieben wird oder in Insolvenz gerät, das heibt sie ist verloren. Aber die Finanz kann nur Stichproben machen. Und das bedeutet eben eine Wiener Firma wird zirka alle fünfzehn Jahre überprüft. Damit kann man spekulieren.

 

War das bei einer Ihrer firmen schon der Fall?

 

Meine firmen sind öffentlich bekannt. Das Handelsunternehmen Fink Ges.m.bH. und die Firma Werner Rydl sind schon zwanzigmal überprüft worden.

Und was ist dabei herausgekommen?

 

Es kommen derzeit Bescheide von der Finanz, die Qualität und Quantität der Waren bezweifeln und als Illusion hinstellen, obwohl sie von Hunderten Zöllnern abgestempelt sind und von Spediteuren glaubhaft bestätigt wird, dab das Gewicht, das Volumen und die Qualität der Ware richtig deklariert wurden. Aber das will man bei der Finanz nicht wahrhaben. Deren Problem ist, dab sie erst aktiv werden kann, wenn nachweislich Steuern zu entrichten sind. Das heibt, meine erste Umsatzsteuer, aufgrund deren ich zahlen hätte müssen, und die wirklich mabgeblich im hohen Bereich lag, ist aus dem Jahr 1993. Da hätten sie sofort reagieren müssen, nur haben sie sie ignoriert. Ich habe zwar jeden Monat eine steuererkärung geschickt, aber nie einen Schilling überwiesen.

 

Welche Ihrer Firmen war das ?

 

Das war immer die Firma Werner Rydl.

 

Ist das nicht die Deichgräberei, Ihre erste Firma?

 

Ja, sie wurde gemeldet als Deichgräberei, aber es gibt Rechnungen und Fakturen, auf denen sie als Dienstleistungsunternehmen und als Handelsunternehmen aufscheint.

 

Wieso kann man das machen?

 

Das Gewerberecht hat ja nichts mit dem Finanzrecht zu tun. Für die Finanz ist es nur wichtig, dab alles richtig gebucht wird, ob das von einer Handelsgesellschaft gemacht wird oder nicht, das interessiert die Finanz nicht. Sie ist nur am Volumen der Firma interessiert, denn umso mehr Steuern müssen abgeführt werden, ob das jetzt eine Deichgräberei ist oder ein Handelsunternehmen, ist der Finanz völlig egal.

 

Wen würde das aber interessieren?

 

Nur die Gewerbebehörde.

 

Und was sagt die Gewerbebehörde dazu?

 

Die hat keinen Einflub darauf, solange keine anzeige gemacht wird, dab ich ein Handelsgeschäft mit einer Deichgräberei getätig habe. Wo kein Kläger da kein Richter.

 


Kapitel 10

 

Der geordnete Rückzug

 

 

Ende 1991 war mir klar: Jetzt kommt die kritische Zeit,

Jetzt werden sie die ersten Steuern kassieren wollen und, Embargo hin oder her, entweder ich verliere und zahle, dann war alles umsonst und lächerlich, oder ich zahle nicht. Das hätte bedeutet, daß man mich verhaftet zwar vielleicht nur für ein, zwei Monate, aber trotzdem wäre alles kaputt gewesen. Denn wenn der Chef längere Zeit ausfällt, ist die Firma meist nicht mehr zu halten. Deshalb habe ich meinen Abgang ganz genau organisiert.

Ich habe bereits 1988 und 1989 Amerika und Südamerika bereist und Land und Leute studiert. Ich habe mich dann für Recife, im brasilianischen Bundesland Pernambuco, entschieden. hauptsächlich wegen des gemäßigten Klimas. Es war keine Flucht.

Mein Abgang aus Österreich war genau getimt und geplant. Für mich war Österreich erledigt. Es ist kein Land, in dem ich mich weiterentwickeln kann, und die Gesellschaftsform und die Gesetzeslage waren für mich nicht akzeptabel. Ich habe mit Linda, meiner Lebensgefährtin. Österreich damals verlassen und es seither nie besucht.

 

 

Was ist aus Ihren österreichischen Firmen geworden?

 

Die Firmen habe ich von hier aus geleitet und auch alle Arbeiten autorisiert und bewältigt. Meine Leute haben die Baustellen in Österreicb kontrolliert, und es gab noch zirka fünfzehn Mitarbeiter, auf die ich mich hundertprozentig verlassen konnte.

 

Österreicher?

 

Nein. Ungarn. Österreicher ist kein einziger übergeblieben.

 

Und diese ungarische Firma besteht auch noch?

 

Ja, die gibt es heute noch, und sie arbeitet problemlos.

 

Wie lange haben Sie Arbeiter in Önterreich beschäftigt?

 

Bis heute beschäftige ich eine Vielzahl von Personen in Önterreich. Jedoch sei 1995, als man wieder  Unschuldige einfach in Haft genommen hat, habe ich wieder einiges verändert, um das hintanzuhalten.

 

Wie haben Sie bar gemacht?

 

Indem Ich meine österreichischen Mitarbeiter nur noch über Firmen dirigiere, von denen niemand weib, dab ich dahinterstehe.

 


Kapitel 11

 

Das Mehrwertsteuerkarussell

 

 

Was passierte mit der Ware?

 

Von mir in Österreich angekaufte Handelswaren oder ach selbst produzierte Waren wurden an österreichische Exporteure verkauft. Die haben die Ware an eines meiner Unternehmen im Ausland exportiert, und ich habe die Ware im Ausland verkauft. Ich wollte daß Österreich mein Embargo ernst nimmt, und das einzige Argument, das ersnst genommen wird, ist Energie, das heißt Geld. Steuern sind Geld. Allerdings war die Frage: Wie produziere ich viele Steuern? Eine Problemstellung, die es normalerweise in Österreich nicht gibt, dort wäre das dumm. Dazu brauchte ich hochpreisige Produkte, die ich mit wenig Handling, weil das ja immer Spesen bedeutet, auf einen Handelsweg schicken kann. Dabei wurden manchmal Waren, die schon einmal aus Österreich exportiert worden waren, zu Veredelungszwecken wieder nach Österreich importiert. Das Finanzamt hat eine Zeitlang vermutet, daß es sich bei diesen Geschäften nur um Ringgeschäfte gehandelt habe, was aber nicht der Fall war.

 

 

Können Sie das an einem Beispiel erklären?

 

Zum Beispiel produziert die Firma Werner Rydl Aurela Parfumöle, die ich über eine Steuerparadiesfirma auf dem internationalen Markt teuer verkaufen kann.

 

Haben Sie diese Firma gegründet?

 

Ja, ich habe von hier aus in einigen Ländern viele Firmen gegründet, die ich jetzt betreibe. Dieser Erwerb von Patenten und Markennamen geht über Rechtsanwälte. Damit habe ich mich persönlich nie beschäftigt, sondern einfach nur gesagt, ich brauche einen Markennamen, und die Sache war erledigt. Mit diesem geschützten Markennamen konnte ich ein Produkt hochpreisig anbieten. So habe ich zum Beispiel in Österreich von einer chemischen Firma ein Duftöl mit dem Markennamen Aurela entwickeln lassen und in der Zeitschrift „Trend„ beworben. Aurela Duftöl Indio 15 Milliliter, 40 000 Schilling. Das bedeutet also im Klartext: Von mir, also einer ausländischen Firma, wurde ein österreichisches Unternehmen beauftragt dieses Produkt zu produzieren. Das österreichische Unternehmen hat dieses Produkt erzeugt und an die ausländische Firma, die den Auftrag gegeben hat, exportiert. Im Ausland wird das Produkt verändert. Das heibt zum Beispiel, im Zollfreilager Montevideo werden, unter der Anleitung eines Chemikers, noch einige Duftkomponenten hinzugefügt.

 

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Wie funktioniert das?

 

Vom österreichischen Labor werden die Behälter so hergerichtet, wie ich sie brauche. Auf diesen steht dann nur noch die Bezeichnung A, B, C oder D. Dann gebe ich in Montevideo Anweisung, 3A mub mit 2B gemischt werden. Dann geht dieses Produkt nach Österreich, und in Österreich wird noch einmal etwas dazugemischt.

 

Von wem?

 

Von meinen Mitarbeitern in der Fink Ges.m.bH.. Ab diesem Moment heibt das Produkt „Aurela Parfumöl, das teure Parfum.„ Das wurde dann in Österreich offiziell in der Zeitschrift „Trend„ beworben. Dann wird dieses Produkt über nichtsahnende österreichische Handelsunternehmen an meine ausländischen Firmen exporteuren ja bezahlt wurde, von der Firma Werner Rydl zurückgehalten.

 

Warum exportierte nicht Ihre Fink Ges.m.b.H. direkt?

 

Nun, die Fink Ges.m.bH. macht deshalb keine Exportgeschäfte, weil es möglich sein kann, dab die Finanz die Vorsteuerbeträge nicht anerkennt wie das jetzt bei den bekannten Exporteuren geschieht, die zwar einen gesetzlichen Anspruch darauf haben, der aber von der Finanz ignoriert wird. Als ordentlicher Geschäftsführer eines österreichischen Unternehmens darf man keinesfalls darauf vertrauen, dab von der Finanzbehörde Leistungen erbracht werden, obwohl sie vom Gesetz her dazu verpflichtet wäre.

Das macht Österreich als Wirtschaftsstandort inakzeptabel. Die Vorsteuer ist gesetzlich geregelt, sie ist ein Teil des Umsatzsteuergesetzes und besagt eindeutig, dab man im Zusammenhang mit einem geschäftlichen Ankauf Mehrwertsteuer, die für das  Produkt ja bezahlt wurde, als Vorsteuer geltend machen kann und rückvergütet bekommen mub. Diese Bestimmung unterliegt aber dem Einflub des Finanzamts. Dazu gibt es rechtliche Grundlagen. So benötigt man etwa zu der Ware, die man kauft, eine Rechnung, die verchiedene Merkmale aufweisen mub wie, das Datum, die genaue Bezeichnung der Ware, die Menge, von wem sie an wen geht, ihren Wert und den ausgewiesenen Mehrwertsteuerbetrag. Erthält sie diese Punkte, ist die Rechnung vorsteuerabzugsberechtigt. Auberdem mub der Warenflub tatsächlich stattgefunden haben, das heibt ich kann vier Liter Milch fakturieren, aber dann müssen auch vier Liter Milch den Warenweg gehen.

 

Können Sie das an einem Beispiel erklären?

 

Selbstverständlich hätte ich die Ware exportieren können, aber dann hätte ich mich mit der Finanz wegen der Vorsteuer herumstreiten müssen. Wir verkaufen Aurela Parfumöle um hundert Schilling an ein inländisches Unterhmen, dann bekommt das Unternehmen die Ware um hundert Schilling plus zwanzig Schilling Mehrwertsteuer, weil ein Warenverkehr im Inland mehrwertsteuerpflichtig ist. Exportgeschäfte dagegen sind ohne Mehrwertsteuer, das heibt, die Fink Ges.m.bH. bekommt nicht hundert, sondern hundertzwanzig Schilling vom Inlandkäufer. Davon mub die Fink Ges.m.bH. zwanzig Schilling an der Zulieferer, Firma Werner Rydl, abliefern die diese an das Finanzamt weiterleitet, was sie nicht tut. Der Exporteur hat das Recht zwanzig Schilling vom Finanzamt zurückzubekommen, wenn er das Produkt exportiert.

Er führt also die Ware aus, bekommt den Warenwert ohne Mehrwertsteuer von seinem ausländischen Partner und mub sich die Vorsteuer vom Finanzamt holen. Die Vorsteuer ist der Wert, der zwischen der Fink Ges.m.bH. und dem Exporteur gelaufen ist. Und es ist der Wert, den die Firma Werner Rydl abliefern mübte was sie aber auf Grund meines Embargos vorest nicht tut. Selbstverständlich hätte ich die Ware selbst exportieren können, aber dann hätte ich mich mit der Finanz wegen der Vorsteuer herumstreiten müssen.

 

Aber dann könnte doch jeder Exporteur sagen, da mache ich nicht mit?

 

Der Exporteur mub sich vorsehen, wenn er weib, dab sein Zulieferer die Steuern nicht bezahlt. In Österreich kann er aber auf Grund des österreichischen Steuergeheimnisses so etwas gar nicht erfahren, und mit Steuerrückständen rühmt sich auch in Österreich niemand.

Warum mub das Geschäft über die Karibik laufen, warum kann nicht gleich alles in Österreich erzeugt werden?

 

Um das Geheimnis der Herstellung zu bewahren. Wenn die Firma in Österreich produziert, liegt der Wert der Ware bei der Finanz auf. Als Beispiel: Ein Liter Duftstoff kostet tausend Schilling. Diesen Liter verkauft die Fink Ges.m.bH in fertiger Form von „Aurela „ um achtzigtausend bis einhundertvierzigtausend Schillind. Man hätte nun sagen können, das sei überfakturiert, das heibt zu teuer fakturiert. Doch in Österreich gibt es kein Überfakturieren beim Preis. Das wubte ich vorher selbst nicht. Man kann die Warenmenge überfakturien, aber nicht den Preis. Davon hatte ich vorerst keine Ahnung. Ich hatte immer angenommen, dab im Gesetz verankert ist, dab es eine gewisse preisliche Angemessenheit geben müsse. Diese Verordnung gibt es aber gar nicht, obwohl die Finanz davon gerne träumt.

 

Also hätten Sie sich diese Transaktionen alle sparen können?

 

Ja, das hätte ich machen können, und das tue ich jetzt auch. Jetzt führe ich nicht mehr Rohprodukte aus, ich erspare mir auch die Mischerei im Ausland. Jetzt wird nur noch Ware gekauft und verkauft.

Seit der Eu ist es überhaupt ganz einfach, weil es für Import und Export im Eu-Bereich keine Grenzformalitäten mehr gibt. Wenn ich also mit deutschen Unternehmen Geschäfte mache, gehen die Waren rein und raus, und die Mehrwertsteuer wird zwar ordentlich gemeldet und verbucht, aber von mir zurückgehalten.

 

Also braucht das Produkt Duftstoff gar nicht mehr verändert zu werden?

 

Nein.

 

Warum Kauft dann eine Firma nicht vom Erzeuger direkt?

 

Wenn sie wübte, woher die Ware kommt, ginge das, aber Handelsunternehmen sind verschwiegen. Man wird nie dem Unternehmen, an das man verkauft, auch bekanntgeben, wo man die Ware eingekauft hat, denn sonst hat man das Geschäft einmal gemacht und wird es nie mehr wieder machen. Weltweit herrscht ja die Tendenz, Handelsunternehmen auszuschalten. Der Produzent beliefert dann direkt den Endkonsumenten. Dadurch werden natürlich die Produkte billiger, aber das ist überhaupt nicht im Sinne des Staates. Der Staat will aus Steuergründen, dab so oft wie möglich und so teuer wie möglich gekauft und verkauft wird.

 

Das heibt aber, dab Handelsgesellschaften alles künstlich verteuern?

 

Die Handelsgesellschaften fungieren oft als Marketingersatz oder als Verteiler. Verteuer würde ich dazu auch gar nicht sagen. Wenn man heute ein Produktionsunternehmen hat, hat man zwei Möglichkeiten: Man kann selbst in den Detailhandel gehen, dann braucht man ein aufwendiges Marketing. Das ist aber genau das, was die Handelsfirma macht: Sie vergröbert die Publizität des Produkts. Oder das Produktionsunternehmen macht das Marketing selbst. Wer es macht, ist egal, es kostet gleich viel, nur steuerlich sind es völlig verschiedene Aspekte, wenn die Ware, über Dritte geleitet wird. Die Steuergesetzgebung ist so angelegt, dab umso mehr Steuern anfallen, je komplizierter und öfter die Ware den Besitzer wechselt. Und viele Steuern sind fúr den Staatshaushalt gut.

 


Kapitel 12

 

Die Folgen der Transaktionen

 

Wird diese Transaktion mit „Aurela“- Parfumöl noch

über die Karibik gemacht?

 

Nein, Aurela ist der Finanz bekannt. Ab dem Moment, wo es bekannt wurde, wurden alle Grenzen für dieses Produkt geschlossen, das heißt, wenn heute noch auf einer Rechnung bei einem Spediteur das Wort „Aurela“ steht, so ist dieser veranlaßt, das sofort der Finanz mitzuteilen.

Österreich ist ja ein sehr kleines Land, man kann relativ leicht die Grenzen dicht machen. Große Liefermengen

Parfumöl  „AureIa“ in den südamerikanischen Raum müssen dem Finanzamt sofort gemeldet werden. Das ist eine interne Regelung, die sich das Finanzamt von den Spediteuren in Österreich erbeten hat.

 

Weil man vermutet, daß Werner Rydl hinter diesen

Geschäften steckt?

 

Natürlich.

 

Beschäftigen Sie sich jetzt noch mit Duftölen?

 

In Österreich nicht mehr, aber selbstverständlich verkaufe ich meine „AureIa“ - Produkte auf dem internationalen  Markt, und das sogar sehr erfolgreich. Produzieren

lasse ich über mein ungarisches Unternehmen. Die Ungarn freuen sich über das Steueraufkommen.

 

Warum wollen Sie „Aurela“  überhaupt noch verkaufen? Sie hatten doch schon Ihren Gewinn...

 

Gewinn habe ich erst, wenn ich das Produkt verkaufe.  Ich habe lediglich Steuern einbehalten, die ich zwar monatlich dem Finanzamt melde, aber nicht abführe. Diesen Betrag - er geht mittlerweile in die Milliarden -habe ich nie angerührt, sondern sicher deponiert und könnte ihn jederzeit sofort an den österreichischen Staat überweisen, allerdings müßten meine Forderungen bewertet werden: Erstens die Ansprüche, die mein Embargo enthält und zweitens meine Schadenersatzforderungen an den österreichischen Staat für meine ungerechtfertigte Haft 1986.

 

In welcher Höhe bewegt sich diese Schadenersatz-forderung?

 

Ich habe mich vor meiner Inhaftierung monatelang mit den selben Problemen beschäftigt wie Bill Gates, und zwar mit Computerbetriebssystemen wie es sie jetzt gibt - MSDOS und MS-Windows. Mir war klar, daß man weltweit ein einheitliches Betriebssystem braucht. Nur das kann sich durchsetzen und ist auch wirtschaftlich erfolgreich. Bill Gates hat das geschafft. Ich habe mich zur selben Zeit wie er mit diesen Dingen beschäftigt, und Bill Gates hatte auch keine anderen Voraussetzungen als ich. Er war weder reich, noch hatte er einen besonderen Job, er hatte nur seine Ideen. Und das waren genau die gleichen Überlegungen, wie ich sie hatte, nämlich Betriebssyteme weltweit zum Einsatz kommen könnten und sich durchsetzen. Ich konnte meine Ideen durch die  Verhaftung nich mehr weiter verfolgen, und nach meiner Enthaftung war Bill Gates bereits mit Vorsprung auf dem Markt. Wäre ich nicht im Gefängnis gewesen, dann hätte vielleicht ich ein solches oder besseres System auf den Markt gebracht. Da das verhindert wurde, ist mir ein Schaden in Milliardenhöhe erwachsen, denn das Vermögen von Bill Gates wird heute auf 128 Milliarden Dollar geschätzt. Ich habe meine Schadenersatzforderungen 1989 mit 42 Milliarden bezifser Zeit bereits hatte.

 

Und wie hat die Behörde reagiert?

 

Natürlich überhaupt nicht, das interessiert ja keinen, weil jeder diesen Betrag sowieso für irrwitzig hält. Auberdem macht mir die Finanz ja immer wieder den Vorwurf, ich sei nicht kooperativ. In jedem Bescheid steht:

„ Ist nicht kooperativ... weil er nicht greifbar ist.“Offensichtlich meint man, wenn man mich nicht würgen oder mir einen Plastiksack über den Kopf ziehen kann, sei ich nicht kooperativ. Das ist offenbar die Ansicht der österreichischen Behörden. Ich habe ein – bis zweimal im Jahr direkt mit den leitenden Finanzbeamten gesprochen.

 Ich habe 1993 Herrn. M. Vom Finanzamt einen Vergleich angeboten: „Ich zahle etwas Geld und ziehe mich sofort aus Österreich zurück. Ich verspreche in Österreich keine Aktivitäten mehr zu setzen.“Das war mein Angebot, damals hatte ich sieben Exporteure. Er sagte nein, das wären alles Verbrecher, und sie hätten es nicht notwendig, mit denen zu kooperiren. Im August 1995 ist die nächste Gruppe Exporteure aufgeflogen, das waren schon fünfzig. Ich wollte aufhören, ich hatte kein Interesse mehr daran, nur sollten die sieben ersten Exporteure ihr Geld von der Finanz bekommen, was allerdings bis heute nicht geschehen ist.

 

Wie lange haben Sie diese Art von Geschäften gemacht?

 

Ich mache sie nach wie vor. Nur kommt jetzt das Kuriose: Am 23.5. 1996 hat die Finanz wegen Zahlungsrückständen den Konkurs der Firma Fink Ges.m.bH. beantragt. Dabei hat diese Gesellschaft überhaupt keine Schulden, aber die kann man nicht mit einem Konkursantrag vertreiben.

 

Warum nicht?

 

Eine Ges.m.bH. kann man aus dem Firmenbuch streichen so wie die Fink Gess.m.bH.. Die Personenfirma Werner Rydl kann man wohl in einen Konkurs schicken oder auch in den Ausgleich, aber sie kann nie verschwinden. Solange Werner Rydl lebt, bleibt es die Firma Werner Rydl.

 

Meinen Sie mit Steuerschulden die nicht zurückerstattete Mehrwertsteuer?

 

Richtig! Meine Ursprungsfirma ist die Firma Werner Rydl, die verkauft an die Fink Ges.m.bH. die wieder verkauft an den Exporteur, und der Exporteur zahlt die Mehrwertsteuer an die Fink. Fink zahlt die Mehrwertsteuer an die Firma Werner Rydl, und die Firma Werner Rydl liefert sie nicht ab. Fink ist also vollkommen integer.

 

Warum ist die Firma in Konkurs? Konkurs bedeutet doch, dab  man nicht mehr zahlungsfähig ist.

 

Die Finanz sagt, die Rechnungen von der Firma Werner Rydl würden nicht anerkannt, deshalb müsse die Fink Ges.m.bH. die Mehrwertsteuer zahlen. Ich beeinspruche das aber mit einem Verwaltungsgerichtshofprozeb, den ich gewinnen werde. Aber das ist alles reine Verzögerungstaktik nichts sonst. Es ist ein offenes Verfahren, und es dauert sicher noch fünf Jahre, bis geklärt sein wird, ob die Fink Ges.m.bH. überhaupt Steuerschulden hat. Dafür mubte die Finanz dem Gericht jetzt 40 000 – Schilling überweisen, damit der Konkursantrag überhaupt bearbeitet wird, denn die Fink Ges.m.bH. verfügt über kein verwertbares Vermögen in Österreich. Ohne Geld arbeitet

Heute nicht einmal mehr ein Gericht.

 

Können Sie mit dieser Firma in der Zwischenzeit weiterarbeiten?

 

Nein, das ist eben der Trick. Im Firmenbuch ist jetzt angemerkt, dab die Fink Ges.m.bH. im Konkurs ist. Jeder verantwortungsvolle Geschäftsführer, der das liest, weib mit dieser Firma darf er keine Geschäfte mehr machen, und damit ist diese Firma für mich jetzt nicht mehr brauchbar.

 

Wie wickeln Sie jetzt Ihre Geschäfte ab?

 

Zum Teil über die Firma Werner Rydl, aber im groben und ganzen benütze ich derzeit keine Struktur, die dem Finanzamt bekannt ist, um niemanden zu gefährden, denn wenn ich heute einem Exporteur eine Rechnung der Firma Werner Rydl ausstellte und diese fiele bei einer zufälligen Kontrolle der Finanz in die Hände, dann wäre Feuer am Dach. Die Rechnung wäre für den Exporteur wertlos, denn die Finanz hat Listen mit schwarzen Schafen, und eines davon  ist ist die Kombination Firma Werner Rydl/Fink GesmbH/Aurela. Das ist jetzt alles bekannt, es wäre also sinnlos, da weiterzumachen. Mir würde das zwar helfen, aber sicherlich würden wieder weitere österreichische Händler ungerechtfertigt durch die Finanz malträtiert. Wichtig ist, dab die Transaktionen     so weitergehen, dab sie der Finanz nicht auffallen und sie sie vor allem nicht als solche erkennt, denn wenn ich Haarnadeln über Apotheken und Drogerien verkaufe, ist das völlig unauffällig.

 

Das heibt also, der Zusammenhang zwischen der Lieferung und der Ablieferung der Mehrwertsteuer ist für die Finanz nicht nachvollziehbar?

 

Nicht im gesamtem Ausmab, weil diese Haarnadelfirma ja eine Firma sein könnte, die nicht nur mit Haarnadeln handelt, sondern auch Exportgeschäfte macht. Das bedeutet, sie nimmt zwar mit den Haarnadeln die Mehrwertsteuer ein, weist aber gleichzeitig Exportgeschäfte nach, die mehrwertsteuerfrei sind, und schafft dadurch einen Ausgleich. Sie Kommt nicht ins Minus, wird nicht auffällig, es passiert nichts.      


Kapitel 13

 

Auf dem Weg in die Zukunft!

 

 

Wie geht es für Sie jetzt in Österreich weiter?

 

Das bestimmt das Finanzamt. Ich reagiere immer auf die Aggressionen des Finanzamts. Es gibt keine rechtliche

Handhabe gegen meine Geschäfte. Mein Problem ist im moment nur, daß andere Menschen in Österreich auf Grund meines Handelns große Schwierigkeiten haben. Obwohl sie schuldlos und über jeden Verdacht erhaben sind gibt es immer wieder willkürliche Husdurchsuchungen und Verhaftungen.

Natürlich erwartet sich die Finanz dabei nichts Nennenswertes, sondern der Zweck ist die Einschüchterung und Verängstigung von Wirtschaftstreibenden. Im Klartext heißt das: Die Exporteure bekommen die zwanzig Prozent Vorsteuer, die sie an mein Unternehmen bezahlt haben, vom Finanzamt vorerst nicht refundiert, obwohl sie alle gesetzlichen Voraussetzungen erfüllen. Zusätzlich werden die Exporteure in langwierige Rechtsverfahren,  die bis zum verwaltungsgerichtshof gehen, verwickelt. Das sind Prozesse, die jahrelang dauern, und das hält kaum eine Firma aus.

Vor allem aber bedeutet es, wenn eine Firma in der ersten oder zweiten Instanz das Handtuch wirft, braucht die Finanz die Mehrwertsteuer nie wieder zurückzubezahlen. Zahlen muß sie erst, wenn es einer Firma gelingt, ein rechtskräftiges positives Urteil vom Verwaltungsgerichthof  zu erhalten. Die Verzögerung hat natürlich den Sinn, daß die Finanz hofft, daß die Firma in der Zwischenzeit

zugrunde geht, dann braucht sie auch nicht mehr ausbezahlt zu werden. Jetzt hat sich bereits die VoIksanwaltschaft für die Ansprüche der Exporteure eingesetzt, denn hier ist man auch der Meinung, dab das Finanzamt sich bereits jenseits der Grenze der Rechtsstaatlichkeit bewegt.

 

Bericht in „täglich Alles“:

 

„Superhirn“: Jetzt ermittelt die Volksanwaltschaft

 

Die „Superhirn“-Affäre beschäftigt nun auch Volksanwältin Ingrid Korosec. „Wir wollen vor allem das Verfahren beschleunigen. Dazu brauchen wir aber möglichst viele Informationen. Daher: Betroffene bitte melden.“

Zur Erinnerung: Indem von „täglich Alles“ aufgedeckten Fall gelang es einem 38jäbrigen Österreicher, 250 Millionen Schilling zu erbeuten. Von Brasilien aus, durch einen „verbrecherisch-genialen“ Steuertrick. Das ‚.Superhirn“ verkaufte dabei Ware über ein gigantisches Firmengeflecht letztendlich wieder an sich selbst und behielt die anfallende Umsatzsteuer ein. Die Finanz, die dem Treiben vier Jahre lang hilflos zusah, griff heuer plötzlich zu „Brachialgewalt.“ Den (ahnungslosen) beteiligten Exporteuren und Zwischenfirmen wurden alle Konten gesperrt. Inwieweit es sich nun um „Scheingeschäfte“ handelt und ob die Vorgangsweise der Finanz rechtens ist, müssen jetzt endlose Prozesse klären.  Und genau da, will die Volksanwältin den Hebel ansetzen.

 

Zusätzlich hat natürlich die Finanz das Problem, daß sie gar keine andere Möglichkeit hat, als sich an den Exporteuren schadlos zu halten, denn würde sie den

Exporteuren die Vorsteuer auszahlen, dann würde das

Bedeuten, daß die Exporteure richtig handeln. Der steuertrick wäre anerkannt, und die Umsätze der Exporteure würden sprunghaft in die Höhe steigen und im

Monat bis zu fünfhundert Millionen Schilling betragen, denn es wäre ja das Steuerloch anerkannt.

 

 

Hat ihr Beispiel nicht schon Schule gemacht?

 

Selbstverständlich hat mein Beispiel schon längst

Schule gemacht, und mit dem Beitritt durch die EU wurde das System ja massiv vereinfacht. Man muß es nur geschickt anstellen. Die Finanz ist natürlich jetzt aufmerksam geworden, denn die Mehrwertsteuereinnahmem haben sich seit dem EU-Beitritt nicht so entwickelt, wie sich das die Finanzbehörde vorgestellt hatte, und man hat begonnen, die Schlupflöcher zu suchen. Nur sind die nicht zu stopfen. Man muß eindeutig sagen: Das Mehrwertsteuergesetz in der vorliegenden Form als Vorsteuergesetz ist ein verunglücktes Gesetz. Es kann einfach nicht die Aufgabe einer steuervereinnahmeuden Behörde sein, Vorsteuerguthaben zu bewerten. Vorsteuern sind Steuern, die zur Auszahlung oder zur Gutschrift gelangen, das ist aber sinnlos. Das heibt die Steuerbehörde beschäftigt sich zu neunzig Prozent mit der Anerkennung von Vorsteuern, und für die Mehrwertsteuervereinnahmung  bleiben nur zehn Prozent. Ein wunderbarer Gedanke, der zu gezieltem Mißbrauch einlädt. Ich möchte den Menschen kennenlernen, der dieses Gesetz entwickelt hat.

 

 

Gibt es dieses Gesetz nur in Österreich, oder auch in

anderen Ländern?

Das gibt es EU-weit. Nur hat die EU damit weniger Probleme, weil der Strafsatz für Steuerhinterziehung in allen anderen Ländern wesentlich höher ist. In Deutschland liegt der Strafrahmen für Steuerhinterziehung bei bis zu zehn Jahren Haft. Dort ist es sogar so, daß er nicht unter zwei Jahren sein darf, wenn der Schaden mehr als 120 000 Mark ausmacht. Das schreckt natürlich alle ab.

 

 

Aber auch in Österreich ist Steuerhinterziehung ein

Vergehen, und Sie hinterziehen doch Steuern?

 

Dem Gesetz nach, ja, aber für mich ist das eine Maßnahme, um aufzuzeigen, wie in dem als human bezeichneten österreichischen Staat Menschen nach wie vor gequält und gefoltert werden, so wie mir das ja passiert ist.

 

 

Welche Reaktion der Gegenseite wäre für Sie effektiv?

 

Eine sinnvolle Reaktion wäre eine Neugestaltung des Mehrwertsteuergesetzes und die Auszahlung der Vorsteuer an die Exporteure. Man muß ja auch bedenken, was diese Aktionen im allgemeinen für Auswirkungen auf die österreichische Wirtschaft haben. Denn solche Maßnahmen erzeugen Angst.

Als Exporteur traut man sich ja heute in Österreich nicht einmal mehr, Haarnadeln zu verkaufen, denn niemand hat die Möglichkeit, hinter eine Firma zu schauen und festzustellen, ob nicht vielleicht ich dahinterstecke. Die Firma kann Voest Alpine heißen oder sonst irgendwie, alles ist möglich. Ich könnte theoretisch immer dahinter stecken.

 

Das heißt aber eigentlich, daß Sie in Österreich alle

Räder zum Stillstand bringen könnten?

 

Nein, das glaube ich nicht. Ich bin eine Person, die man sicherlich verkraften würde. Also diese paar Millionen oder Milliarden, die da draufgehen, das macht es nicht aus. Aber auf die Dauer ist dieses System nicht tragbar. Doch die Sichtweite der Regierung oder der Regierenden in Österreich ist nicht auf Jahrzehnte ausgerichtet. Die Regierung ist immer nur ein paar Jahre verantwortlich, dann sind es wieder andere, und alle agieren nach dem Prinzip „Hinter mir die Sintflut!“

 

 

Aber dann malen Sie das Szenario eines Konfliktes

der nicht zu lösen ist.

 

Von mir allein ist der Konflikt sicher nicht zu lösen. Ich habe seit vielen Jahren nur aufgezeigt, was dazu notwendig wäre, aber offensichtlich kann nicht sein, was nicht sein darf.

 

 

Was hindert Ihrer Meinung nach die Regierung

daran, das Gesetz zu ändern?

 

Ignoranz und Sturheit der staatlichen zweiten Führungsebene, die die Regierenden unzureichend und falsch über die Probleme des Landes unterrichtet. Aber dieses Gesetz ist in seinen verschiedenen Varianten eigentlich gesamteuropäisch nicht tragbar. Europa ist ausgehöhlt durch überwuchernde Bürokratie, Mißwirtschaft und durch die organisierte Kriminalität. Denn das, was ich hier mache, nämlich einfach Steuern zu produzieren und sie dann einzubehalten, ist kein Trick von mir allein, sondern dem damit beschäftigt sich die organisierte Kriminalität seit Jahren im großen Stil. Durch dieses Gesetz ist die europäische Wirtschaft zum Teil in den Würgegriff der Mafia gelangt, und das wird vermutlich auch der Auslöser dafür sein, daß es größere unangenehme Veränderungen in Europa geben wird.

 

 

Wie vielen Exporteuren wird eigentlich die Vorsteuerauszahlung verweigert?

 

Nicht ausbezahlt wurden ca. fünfzig Exporteure, die der Finanz bekannt sind. Tatsächlich aber arbeite ich schon mit hundertzweiundachtzig Exporteuren zusammen, nur davon weiß die Finanz nichts.

 

 

Wie sehen die  Exporteure ihre momentane Situation?

 

Bei den Exporteuren herrscht zur Zeit natürlich große

Unsicherheit. Allerdings schieben sie die Schuld an dem Dilemma nicht mir in die Schuhe. Dazu muß man naturlich auch sagen, daß mich die meisten Firmen überhaupt nicht kennen und nicht wissen, wer ich bin, weil ja über neunzig Prozent der Waren durch Zwischenhändler verkauft werden. Der allgemeine Zorn gilt der Steuerbehörde, die dem Gesetz nicht Genüge tut. Leider gehen die Exporteure nicht geschlossen gegen diesen Mißstand vor, denn die meisten haben Angst und sind durch die Situation wie gelähmt.

 

 

Wie könnten Sie sich vorstellen, daß dieses Mehrwertsteuerkarussell zum Stillstand kommt?

 

 

An und für sich wäre es ganz einfach. Der Exporteur, der beim Händler Ware einkauft, müßte ihm erklären, daß diese Ware für den Export bestimmt und daher eigentlich nicht mehrwertsteuerpflichtig ist. Das müßte der Händler wieder seinen Zulieferern bis zum Produzenten mitteilen, und der müßte dafür Sorgen tragen, daß diese Ware, die fü den Export bestimmt ist, mehrwertsteuerfrei bleibt.

 

 

Was haben Sie eigentlich mit dem Steuergeld gemacht, das Sie nicht abgeliefert haben?

 

 

 

 

 

 

 

Die Gelder werden derzeit von mir verwaltet. Sie sind

im Ausland sichergestellt und angelegt, wobei nur ich weiß, wo. Ich könnte sie jederzeit an Österreich ausbezahlen, wenn meine Forderungen berücksichtigt würden. Auf Grund der Aussage, die Sektionschef N. vorn Finanzministerium im ORF-Report gemacht hat, daß nämlich der von mir verursachte Schaden höchstens 50 Millionen Schilling betrage, habe ich erst vor einigen Wochen über die Botschaft einen Vergleich angeboten.

Er beinhaltete die Zahlung dieser 50 Millionen zuzüglich eines freiwillig zu leisten Strafanteils von 10 Millionen und die Zusicherung, alle meine Aktivitäten in Österreich einzustellen unter der Voraussetzung, daß die fünfzig Exporteure endlich ausbezahlt werden. Allerdings kann es aus meiner Sicht gar keine Antwort geben - nicht einmal bei einem Miliiardenangebot. Die Sache ist bereits viel größer, als sie in der Öffentlichkeit präsentiert wurde.

 

 

Wieso glauben Sie, daß es keine Antwort geben

wird?

 

Es ist halt für die Finanz nicht leicht, den tatsächlichen Schaden bekanntzuguben. Erstens, weil sie die tatsächliche Höhe nicht weiß, und zweitens könnte die Öffentlichekeit doch das Vertrauen verlieren, wenn man offiziell zugeben muß, daß da einer seine Steuern in Milliardenhöhe nicht bezahlt und, was noch schlimmer ist, man kann ihn gar nicht stoppen!

 

 

Bestehen Sie weiter auf der Abänderung des Finanzgesetzes?

 

Nein, seit 28 September 1995 bin ich nicht mehr österreichischer sondern brasilianischer Staatsbürger. Ich fühle mich dieser Nation verbunden. Meine Bindung an

Österreich ist aufgelöst und auch meine Verantwortung Österreich gegenüber Ich habe kein Interesse mehr daran, mich darfür einzusetzen, daß in Österreich notwendige gesetzliche Veränderungen erfolgen. Mir geht es jetzt nur noch um die fünfzig Exporteure und selbstverständlich um eine Diskussion über die hundertachtundzwanzig Milliarden, die ich einmal in den Raum stelle, a Wiedergutmachung für meinen erlittenen Schaden durch die Republik Österreich.

 

 

Fühlen Sie sich für die Situation, in der die fünfzig Exporteure jetzt sind, verantwortlich?

 

Nein, auf keinen Fall! Ich kann die Verantwortung für die österreichische Rechtsstaatlichkeit nicht übernehmen, das liegt nicht in meiner Kompetenz. Die Täter sitzen in der Finanz, die Opfer sind die Exporteure. Es wäre auch sinnlos, den Exportouren allein auf den Verdacht hin, daß die Finanz vielleicht doch einmal zahlt, einen Kredit zu geben. Das wäre eine Aktion, die zu keinem Fortschritt führen würde.

 

 

Haben Sie Informanten in der österreichischen Finanzbehörde?

 

Ja natürlich! Das ist auch sehr von Vorteil, denn so weiß ich, in welche Richtung die Aktivitäten der Behörde laufen, welche Prüfungsaufträge erfolgen und so weiter! Und so kann ich Vorsorge treffen.

Es gibt viele Beamte, die dieses Kesseltreihen gegen mich sehr mißbilligen. Ich würde sogar sagen, daß die Mehrheit der Beamten die Aktionen gegen mich und die Exporteure als großes Unrecht ansehen. Durch Informanten aus ihren Reihen habe ich natürlich die Möglichkeit, rechtzeitig zu erfahren, in welche Richtung die nächsten, Untersuchungen laufen werden, und bin so immer voraus. Was mir auch 1993 durch den Finanzbeamten Herrn M. bestätigt wurde, der ganz traurig sagte: „Herr Rydl, ich weiß, wir können immer nur hinter Ihnen nachlaufen.„

Und solange es keine Gesetzesänderungen gibt, wird das auch weiterhin so sein.

 

 

Wie ist eigentlich Ihre Causa öffentlich geworden? Das hätte doch über Jahre funktionieren können, ohne daß ihre Aktivitäten publik geworden wären...

 

Der Öffentlichkeit ist eigentlich bis heute überhaupt nicht bewußt, was hier passiert, obwohl die Medien vor allem „täglich Alles„ schon sehr viele Berichte darüber gebracht haben. Das ist nämlich ein rein wirtschaftliches Problem, das den gewöhnlichen Konsumenten nicht betriffl, weil der ja nicht vorsteuerberechtigt ist, sondern nur spezielle Gruppen wie die Unternehmer. Ein Normalbürger kann diese Zusammenhänge nur sehr schwer entwirren, dazu braucht man gewisse Voraussetzungen und Erfahrungen, die wohl eher einem Steuerberater oder Buchhalter zur Verfügung stehen.

 

 

Was sagen eigentlich Ihre rechtlichen Vertreter in Österreich dazu etwa Ihr Steuerberater und Ihr Rechtsanwalt?

 

Mitte 1995 hat sich der letzte Steuerberater von mir bzw. meinen Aufträgen verabschiedet. Die Steuerberater sind doch keine ernstzunehmende Vertretung gegenüber der Finanzbehörde. Klienten gibt es Tausende, und Finanzamt gibt es nur eines! Also wer kann denn da annehmen, daß sich die Vertretung in steuerlichen Belangen ernsthaft mit der Finanz auseinandersetzt. Steuerberater sind notwendig, nur müßten sie eigentlich von der Finanz bezahlt werden, weil sie eher in deren Auftrag und Sinne arbeiten als für den Inhaber einer Steuernummer.

Auf Grund dieser Problematik habe ich mich für den “Verein österreichischer Abgabengeschädigter„ interessiert, dessen einfaches Mitglied ich bin. Dieser Verein arbeitet vom Ausland aus und ist somit nicht von einer österreichischen Behörde beeinflußbar oder erpreßbar. Unter der seriösen e-mail-Adresse

 

voeag@internext. com.br

 

Kann man sich über die Tätigkeit dieses Vereins informieren. Jedenfalls ist es ein wirklich tiefer Sumpf, den dieser Verein bearbeitet. Selbst bei meinem Rechtsanwalt gab es Hausdurchsuchungen und eine Beschlagnahmung des Aktes. Als ich ihn fragte, ob er vielleicht auch verhaftet werden könnte, konnte er dies nicht verneinen. Ich zog ihn daraufhin sofort ab. Derzeit werde ich von Experten km Ausland rechtlich vertreten. Ich stelle mich bereits auf rechtliche Auseinandersetzungen mit Österreich vor isnternationalen Gerichten ein. Aber ich werfe sicherlich nicht den ersten Stein.

 

 

Haben Ihnen die Medienberichte in Zusammenhang mit Ihrer Auseinandersetzung mit dem Finanzamt geschadet?

 

Nein, das haben sie nicht. Die Medien haben sich hauptsächlich mit dein Problem der Exporteure befaßt, und meine Person war da nicht so sehr im Vordergrund.

 

 

Aber es gibt doch viele Berichte, die Sie als einen nichtstuenden fröhlichen Pensionär in der Hängematte zeigen, der jetzt praktisch die Österreicher für sich arbeiten läßt...

 

Ja, solche Tendenzen hat es natürlich gegeben, aber das ist nicht spezifisch mein Problem. Das war eher die Blattlinie der verschiedenen Zeitungen, denn es ist einfacher, die Aufmerksamkeit des Volkes wachzurufen, indem man sagt: „Da gibt es einen Gauner, der läßt sich‘s auf Kosten der Steuerzahler gutgehens„.

 

 

Entspricht das der Wirklichkeit?

 

Nein, meiner Ansicht nach sicherlich nicht. Ich lebe hier wirklich mir von dem Geld, das ich mit meinen weltweiten Handelsfirmen erwirtschafte, von Geschäften, die mit Osterreich überhaupt nichts zu tun haben. Die Steuern, die ich aus Österreich vereinnahme, stehen jederzeit zur Auszahlung bereit, ich habe sie nie auch nur angerührt. Als Geschäftsführer ist das für mich auch undenkbar.

 

 

 

Herr RydI, was besitzen Sie noch in Österreich?

 

Ich besitze nach wie vor neime bekannten Unternehmen, ich habe aber noch manche andere, von denen niemand etwas weiß. Von meinen aktuellen Aktivitäten in Österreich ist der Finanzbehörde höchstens ein Drittel bekannt. Das sind jene Geschäfte, die auffällig geworden sind, weil sie in einem sehr großen Maßstab erfolgten. Aber die anderen, die unauffällig agieren, kann die Finanz unmöglich alle enttarnen.

 

 

Hat sich für Sie in Österreich geschäftlich etwas verändert, seit Sie in Brasilien eingebürgert sind?

 

Seit ich brasilianischer Staatsbürger bin, unterliege ich brasilianischen Gesetzen. Von dem Tag an, da ich auf die brasilianische Flagge geschworen habe, ist für mich auch das brasilianische Recht maßgeblich, das gar nicht so fundamental vom österreichischen abweicht. Das heißt, wenn ich jetzt als Brasilianer im Ausland Steuern hinterziehe, wäre das für mich in Brasilien strafrechtlich von Bedeutung. Das hieße, wenn der Tatbestand der Steuerhinterziehung zum Zeitpunkt meiner Einbürgerung gelaufen wäre, könnte mich die Republik Österreich ja anzeigen, und ich würde auch verurteilt werden können.

 

Haben die österreichischen Behörden Sie angezeigt?

 

Nein, ich gebe ihnen auch keine Gelegenheit dazu. Ich werde in Zukunft auch weiterhin ungestört agieren können. Es gibt ja jetzt die Möglichkeit, gewisse Steuern im voraus anzumelden. Ich habe einen sehr breiten Rahmen in Milliardenhöhe angemeldet und brauche jetzt keine Steuer mehr zu melden, weil ich ja immer noch im vorgegebenen Limit bin. Auf Grund des aktuellen Umsatzes kann ich sicher sein, noch lange Zeit ohne Probleme agieren zu können. Die Behörde hat wenig Chance, hinter diese Aktivitäten zu kommen. Trotzdem kann ich meinen Gegenspielern eine gewisse Bewunderung nicht vorenthalten. Die Herren N., M., W-P. und L. agieren zwar gesetzlich nicht korrekt, aber sie versuchen mit dem brennenden Willen eines Rambos, meine Spur zu verfolgen, obwohl ihre Erfolglosigkeit vorprogrammiert ist und sie das auch ganz sicher wissen.

 

 

Welche Art von Geschäften machen Sie jetzt in Brasilien?

 

Ich lebe von meinen weltweiten Handelsgeschäften, aber auch von den Kenntnissen, die ich mir in Österreich, also einem Land der sogenannten ersten Welt, angeeignet habe. Ich betätige mich als technischer Berater und als Finanzberater und verkaufe hochwertige Produkte aus Österreich.

 

 

Welchen Projekten werden Sie sich in nächster Zukunft widmen?

 

Ich werde mich mit ganz neuen Projekten in der Region Amazonien beschäftigen, einer Gegend, die zu den reichsten Rohstoffgebieten unserer Erde gehört, die aber so unerforscht ist wie Kaukasien. Ich sehe darin eine Möglichkeit, meine Energie sinnvoller zu verwenden, diese nahezu unberührte Region vor den schädlichen Folgen der sogenannten Zivilisation zu schützen. Allerdings erfordert dieses Projekt ein völliges Umdenken, und zwar im Sinne einer neuen Weltordnung. Das bedeutet friedvolles Zusammenleben in Einklang mit der Natur.

 

Was enwarten Sie von Ihrem zukünftigen Leben?

 

Ich habe keine definierten Ziele, die ich erreichen möchte, sondern mein Leben hat sich immer in kleinen Abschnitten entwickelt, die eine gewisse Richtung haben. Also ein gesamtes Ziel für mein zukünftiges Leben kann ich jetzt noch nicht angeben. Allerdings muß ich eines sagen: Auf dem Gebiet der zwischenmenschlichen Beziehung, was also eine Partnerin betrifft, habe ich bis jetzt noch nicht sehr viel Energie eingebracht. Meine Beziehung zu meiner Lebensgefährtin Linda ist, obwohl wir zwei entzückende Kinder haben, zerbrochen. Sie wohnt zwar hier in Brasilien, aber ich lebe nicht mehr mit ihr und den Kindern zusammen.

Ich glaube, auf diesem Gebiet habe ich noch sehr viel nachzuholen, und das wird mir jetzt mit meiner neuen, und sehr verständnisvollen Partnerin Marcia vermutlich gelingen. Sie ist Brasilianerin und hat mit mir zuerst nur geschäftlich zusammengearbeitet. Daraus ist aber eine tiefe, enge menschliche Beziehung geworden. Sie ist, und das kann ich getrost sagen, zu einem Teil meiner selbst geworden. Ist sie nicht da, dann spüre ich, daß meine Welt in irgendeiner Form aus dem Gleichgewicht ist. Diese Gefühle sind für mich Neuland, und ich muß sie erst ganz vorsichtig erforschen und ausloten. Aber es sind natürlich wunderbare Gefühle, und sie geben mir viel Kraft, mit dieser außergewöhnlichen Frau an der Seite meine neue Heimat Brasilien mitzugestalten und den Weg in die zukunft vorzubereiten.

 

 

Haben Sie irgendwelche unerfüllten Sehnsüchte?

 

Meine einzige Sehnsucht, die ich ja jetzt auslebe, liegt im zwischenmenschlichen Bereich. Ich habe jetzt das erste mal Gelegenheit und Zeit dafür, das andere Geschlecht zu erkennen und kennenzulernen, und das ist für mich wahnsinnig interessant und aufschlußreich. Diesem Kosmos zwischen Mann und Frau gilt eigentlich im Moment mein Hauptinteresse.

 

Fühlen Sie sich hier in Brasilien sicher?

 

Ja! Ich fühle mich hier sicherer als in Österreich. In diesem Land gibt auch wesentlich mehr Möglichkeiten, unterschiedliche Lebensformen zu gestalten und zu finden. Für mich ist Brasilien der Inbegriff für ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

 

 

Hat das, was Sie erlebt haben, den Glauben an das Gute in Ihnen zerstört?

 

Ganz im Gegenteil. Meine Erfahrungen haben meinen Glauben in das Gute gestärkt. Nur durch das viele Negative, das ich erlebt habe, war es mn auch möglich sehr starke positive Eindrücke zu sammeln. Das hat mich stark gemacht. Ich habe zwar Wunden davongetragen, aber wie man auf gut österreichisch sagt, „was mich nicht umbringt, macht mich hart„. Die Erfahrung, die ich auf meinem bisherigen Lebensweg machte, ist, daß man durch die Hölle gehen muß um den Himmel  erreichen.

 

Und wo befinden sie sich derzeit auf diesem Weg?

 

Derzeit hin ich, Gott sei Dank, in Brasilien.